Am 25.04.17 fand in der Hamburger Handelskammer im Rahmen des "Tag des Mittelstands" eine Veranstaltung für Entscheider in mittelständischen Unternehmen statt, wie sie Internet und Social Media für den eigenen Unternehmenserfolg nutzen können.

Auf dem Programm standen einige einleitende Vorträge und Grußworte im Plenum. Anschließend teilte sich die Veranstaltung in vier parallel stattfindende Foren auf und endete mit einem Senatsempfang im Rathaus.

Die Information hat uns auf dem Postwege erreicht. Der Flyer befindet sich hier online.

In Hamburg gab es jüngstens eine kleine "Revolution", bei der sich eine verhältnismäßig kleine Gruppe unter dem Namen "Die Kammer sind wir" für Mitbestimmung und Abschaffung der Zwangsbeiträge eingesetzt hat. In einer erdrutschartigen Wahl haben die Wähler die sogenannten Handelskammer-Rebellen gewählt und das gesamte "Establishment" der Handelskammer aus dem Amt gefegt. Vorausschauender Weise wurde der Name des Präsidenten, Tobias Bergmann, nicht auf den Flyer gedruckt, der vermutlich bereits vor der Wahl produziert wurde.

Da ich interessiert war Tobias Bergmann "in echt" zu erleben und zu schauen, wie Sven Wiesner, tätowierter Geschäftsführer einer erfolgreichen Hamburger Social Media Agentur mit dem eher konservativ und schlipstragenden Publikum umgeht, habe ich mich dort angemeldet.

Zum Tag des Hamburger Mittelstands sind viele Unternehmer zusammengekommen, um zu verstehen, wie sie Internet und Social Media für ihr Unternehmen nutzen können.
Zum Tag des Hamburger Mittelstands sind viele Unternehmer zusammengekommen, um zu verstehen, wie sie Internet und Social Media für ihr Unternehmen nutzen können.

Unsortierte Eindrücke

Von der Veranstaltung habe ich sehr gegensätzliche Eindrücke zwischen enorm inspirierend bis oldfashioned mitgenommen, die ich in diesem Blogpost blitzlichtartig darstellen und in einen Bedeutungszusammenhang stellen möchte. Meine Eindrücke stellen keinen vollständiger Spiegel des Events dar sondern sollen die Gegensätze verdeutlichen.

Einführende Diskussionsrunde

  • Tobias Bergmann wurde befragt, ob und mit welcher Kontinuität die Hamburger Unternehmen durch die neue Führung rechnen können. Er hat um Verständnis gebeten, dass die Änderungen Zeit benötigen. Seine Rede habe ich als motivierend empfunden und bin gespannt, wie es ihm gelingen wird, mit einem jungen Team langjährig gewachsene Strukturen zu verändern.
  • Der Beitrag von Josef Katzer, dem Präsidenten der Hamburger Handwerkskammer, hat mich ebenfalls beeindruckt. In einer zupackenden Art erklärte er, dass Handwerker heute mit Themen wie Website und Social Media längst selbstverständlich umgehen. Prozesse zur Veröffentlichung von Online-Inhalten sind längst in seinem Unternehmen etabliert. Heute geht es stattdessen vielmehr um innovative Technikideen, wie beispielsweise Dachdecker die Vermessung eines Daches heutzutage mit Hilfe von Drohnen durchführen.

Der Mittelstandstag bot unter anderem die Gelegenheit, den neuen Präsidenten der Handelskammer, Tobias Bergmann, zu erleben.
Der Mittelstandstag bot unter anderem die Gelegenheit, den neuen Präsidenten der Handelskammer, Tobias Bergmann, zu erleben.

Grußwort

  • In der Vergangenheit bin ich bereits häufiger Olaf Scholz begegnet, der inzwischen erster Bürgermeister der Stadt Hamburg ist, und habe ihn dabei als einen sympathischen Menschen kennengelernt, der zuhören kann. Sein Grußwort hat er mit leiser Stimme mehr abgelesen als vorgetragen. Ich hatte den Eindruck, dass er eine Pflichtveranstaltung absolviert und sich stärker für andere Themen interessert.

Keynote

  • Ganz anders die Keynote von Thomas Strerath, Vorstand und Partner bei Jung von Matt: In seinem packenden Vortragsstil sprach er über die Herausforderungen von Content-Marketing und präsentierte beeindruckende Werbeclips seiner Agentur. Besonders der Volvo-Clip mit Claude van Damme ist echtes Highlight!

  Interessant fand ich, dass er einigen Trends der Online-Branche durchaus kritisch gegenüber steht und dafür den Begriff der "digitalen Besoffenheit" geprägt hat. Ein Problem, mit dem sich heute alle Publisher auseinandersetzen müssen, ist das Phänomen Content-Clash: Erwachsene konsumieren seit einiger Zeit täglich 13 Std. am Tag Medieninhalte (bzw sind diesen ausgesetzt). Mehr. geht. nicht.

Demgegenüber wächst die Menge an Content jedoch exponentiell weiter. Dem bestmeinenendsten Publisher ist es Content-konkurrenzbedingt nicht mehr möglich seine Zielgruppe zu erreichen. Das führt zu einer Umkehrung: Früher wurden Produkte mit Content beworben. Heute muss der Content selbst beworben werden, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Funktionieren kann heute nur noch unterstützender oder unterhaltender Content. Alles andere geht unter.

Trotz der hervorragenden Präsentation war mir die Schlussfolgerung Thomas Streraths zunächst nicht ganz klar. Also ist Content doch wieder King?

Nein; in seinem letzten Satz hat er es aufgeklärt: die Lösung besteht darin, Werbung bei Jung van Matt zu buchen :-)

Die Keynote von Thomas Strerath war – vorsichtig ausgedrückt – extrem cool.
Die Keynote von Thomas Strerath war – vorsichtig ausgedrückt – extrem cool.

Forum II: Mittelstand und Social Media Marketing

Beobachtungen

  • Während der Anmoderation wurden die Zuhörer gefragt, wer von ihnen in sozialen Netzwerken aktiv ist. Es gingen praktisch alle Hände nach oben.
  • Über die bzw. aus der Veranstaltung scheint niemand getwittert zu haben. Obwohl dies bei Veranstaltungen zu Online-Themen normalerweise Standard ist, wurde kein Twitter-Hashtag kommuniziert. Über Hashtags finden sich die einzelnen und unzusammenhängenden Äußerungen im Netz wieder zusammen und bilden einen kontextuellen Zusammenhang. Stattdessen habe ich jedoch einige Teilnehmer beobachtet, die sich Notizen mit Stift und Papier angefertigt haben.
  • Die Veranstaltung spiegelt sich so gut wie gar nicht in den sozialen Netzwerken.
  • Meine Online-Anmeldung hat nicht funktioniert. Ich stand nicht auf der Gästeliste und hatte kein Namensschild, durfte dennoch teilnehmen.
  • Dem Namen der Veranstaltung "Mittelstand @ Kunde" kann ich nicht viel abgewinnen. Vermutlich soll er "irgendwas mit Internet" suggerieren. Hier trifft der Begriff der "digitalen Besoffenheit" voll zu.

Vorstellung von Internet und Social Media vor einem überwiegend digitalfernen Publikum.
Vorstellung von Internet und Social Media vor einem überwiegend digitalfernen Publikum.

Resümee

Fremd- und Selbstwahrnehmung gehen scheinbar auseinander. Entgegen vollmundiger Bekundungen und steiler Thesen wird das Thema Social Media aus meiner Sicht weder von der der Handelskammer als Veranstalterin noch von den Teilnehmern gelebt. Möglicherweise haben sich die Teilnehmer auf die Frage, wer in den sozialen Netzwerken aktiv ist, auch deswegen alle gemeldet, weil sich niemand in der scheinbar so Netz-affinen Gruppe als Beginner outen wollte. Die meisten Anwesenden fremdeln meines Erachtens jedoch noch mit dem Thema und betrachten es keinesfalls als selbstverständliche Möglichkeit online zu kommunizieren.

Es ist der Handelskammer jedoch gelungen, eine große Menge an Entscheidern zu mobilisieren, die sich offenbar alle für das Thema Digitalisierung im weitesten Sinne interessieren. Bei Veranstaltungen wie dieser oder denen des "Mittelstand 4.0 – Kompetenzzentrum Hamburg" besteht meines Erachtens eine große Chance, mittelständische Hamburger Unternehmen zu erreichen und sei bei ihren Fragen rund um den Generationswechsel zu unterstützen.

Ein Thema, das mich in Zukunft stark interessiert, wäre z.B. die Vorstellung agiler Projektmanagement Methoden in diesem Forum.