Am Freitag, dem 09.06.17, fand in Hannover eine neue Veranstaltung des Agenturcamps unter dem Motto "New Work" statt. Das Agenturcamp habe ich letztes Jahr in Hamburg kennen und schätzen gelernt.

Im Gegensatz zu den meisten Barcamps ging das New Work Camp nur über einen einzigen Tag. An der Veranstaltung im Design Center der Hochschule Hannover nahmen rund 80 Interessierte teil.

Ein "Hintergedanke" der Veranstalter bestand möglicherweise darin, zukünftige Mitarbeitern mit Profis aus der Agentur-Szene zusammenzubringen: Am Camp haben knapp 20 Studierende des Master-Studienganges Design und Medien teilgenommen.

Das Design Center der Hochschule Hannover mit nur einem einzigen interdisziplinären Master-Studiengang wurde von den Studierenden sehr gelobt.
Das Design Center der Hochschule Hannover mit nur einem einzigen interdisziplinären Master-Studiengang wurde von den Studierenden sehr gelobt.

Es gab eine kurze Keynote von Julia von Winterfeldt, der Gründerin von Soulworx, einer Coaching-Agentur aus Hamburg zum Thema "New Work". Anstelle von "Human Ressources" spricht sie von "Resourceful Humans", d.h. von Menschen, die Potentiale zur Entfaltung mitbringen.

Was ist New Work?

Vereinfacht dargestellt entwirft "New Work" in einer Zeit, in der sich viele Tätigkeiten durch Automatisation erledigen lassen, die Vision eines selbstbestimmten, erfüllten und sinnstiftenden Arbeiten, welches über eine reine Erwerbstätigkeit hinausgeht.

Für Julia steht "New Work" vor allem für die Entdeckung der Individualität der Mitarbeiter. Durch Abgabe von Kontrolle und Macht sowie dem Begrenzen einer ansonsten ausufernden Flexibilität wird ein Rahmen geschaffen, innerhalb dem Mitarbeiter Verantwortung übernehmen und Arbeitsprozesse mitgestalten können. Klare Prozesse und ein geeignetes Arbeitsumfeld setzen kreative Energie frei.

Julia von Winterfeldt, Yoga- und Meditationslehrerin, führt heute eine Beratungs-Agentur, nachdem sie früher bei  Pixelpark, Sapientnietro, Accenture und Akqa gearbeitet hat.
Julia von Winterfeldt, Yoga- und Meditationslehrerin, führt heute eine Beratungs-Agentur, nachdem sie früher bei Pixelpark, Sapientnietro, Accenture und Akqa gearbeitet hat.

Unter dem Titel "Statt Network jetzt New Work" hat sie ein lesenswertes Interview gegeben, in dem sie über ihren Werdegang und ihre Überzeugungen spricht.

Austausch und Networking

In den Sessions ging es aus verschiedenen Perspektiven vielfach um die Themen Führung, Motivation und Verantwortung durch Mitarbeiter. Ich habe mich für Sessions in den kleineren Räumen entschieden, in denen in der Regel rege Diskussionen und fruchtbarer Austausch stattfinden.

Spannende Diskussionen gab es zu den Themen "Work-Work-Balance" sowie der Frage, ob Leidenschaft in einem Achtstundentag Platz finden kann. Wie geht man mit Mitarbeitern um, die freiwillig mehr arbeiten wollen als gesetzlich vorgeschrieben?

Ein Agenturinhaber meinte, seine Mitarbeiter können kommen und gehen, wann sie wollen. Mit jedem einzelnen würde er pro Jahr einmal aushandeln, wieviel Performance er bringen und was er verdienen möchte. Auf Nachfrage kam heraus, dass jemand sein vereinbartes Äquivalent eines 40 Stunden-Pensums theoretisch in zehn oder auch 60 Wochenstunden leisten kann.

So wie in der Transportbranche mitunter feste Arbeitsverhältnisse in (Schein-) Selbständigkeit überführt werden, hatte ich auch hier den Eindruck, dass auf diese Weise eine Form der Pseudo-Freiheit kultiviert wird, die bei genauerer Hinsicht eine Pervertierung des Arbeitsvertrages ist: Das Risiko für die Produktivität wird auf die Mitarbeiter umverteilt. Auf diese Weise werden die Mitarbeiter zu Franchise-Nehmern innerhalb der Agentur, die Werkverträge zu erfüllen haben.

Ich bin der Meinung, dass das Risiko für die Produktivität einer Agentur bei der Geschäftsführung verbleiben sollte. Transparenz über die Rentabilität der eigenen Arbeit ist für ein Team durchaus wichtig, damit es z.B. über seine Budgets für Fortbildung oder andere Dinge zielführend mitentscheiden kann. Mitarbeiter wegen Fehlern in ihrer Freizeit nacharbeiten zu lassen, ist aus meiner Sicht jedoch nicht der richtige Weg.

Das Sessionboard mit dem Programm des Tages. Die Angebote drehten sich überwiegend um die Themen Führung, Motivation und Verantwortung.
Das Sessionboard mit dem Programm des Tages. Die Angebote drehten sich überwiegend um die Themen Führung, Motivation und Verantwortung.

Derselbe Inhaber wird sich möglicherweise gewundert haben, warum die Hälfte der Teilnehmer in einer anderen Session von ihm den Raum verlassen hat. Er hat sich über die über die aus seiner Sicht schlechte Motivation der Mitarbeiter gewundert und dies zum Thema einer Diskussionsrunde gemacht.

Die Antworten auf die verschiedenen Nachfragen der Teilnehmer waren Puzzle-Stücke, aus denen in mir ein eher unschönes Bild entstanden ist:

  • Der Inhaber führt seine Agentur allein mit 23 Mitarbeitern. Im Netz gibt es genügend Literatur, die aufzeigt, warum das nicht zielführend möglich ist.
  • Es wird nach Wasserfall gearbeitet: wenige Mitarbeiter machen Konzepte, die von den anderen arbeitsteilig umzusetzen sind. Die meisten Mitarbeiter müssen also Dinge ausführen, die andere vorgeben.
  • Fehler der Mitarbeiter bleiben folgenlos. Der Inhaber bedauerte dies. Seine Körpersprache schien mir zu signalisieren, dass er sich mehr Bestrafung wünschen würde.
  • Die Projekte der Agentur findet er im Grunde selbst langweilig und wundert sich über die fehlende Begeisterung bei seinen Mitarbeitern.

Meines Erachtens schien er sich von der Session magische Antworten zu erhoffen, die die innere Haltung der Mitarbeiter in der Agentur ändern, ohne dass er selbst sich ändern muss. Ich bin dann ebenfalls gegangen und habe meine restliche Zeit für eine anderen Session genutzt, in der es um die "Work-Work-Balance" ging. Der Titel war selbstverständlich augenzwinkernd zu verstehen.

Mein Fazit

Je länger ich mich mit dem Thema "Führung" beschäftige, desto mehr gelange ich zu der Überzeugung, dass Führung im Endeffekt darauf abzielen muss, nicht mehr benötigt zu werden.

Auf dem Camp habe ich einige interessante Teilnehmer_innen kennengelernt, mit denen ich mich hoffentlich auch in Zukunft weiter austauschen kann.

Jedoch hätte ich mir mehr professionellen Input gewünscht. Dafür, dass ein Viertel der Teilnehmer noch studiert und inhaltlich nicht so viel zu den Themen beitragen kann, fand ich den Preis in Höhe von 265,00 EUR zzgl. MwSt. für ein Barcamp mit einzigen Tag doch sehr hoch.