Vom 18. bis 20.05. hat das Team von Trio-Interactive um Ivo Radulovski in Frankfurt die Drupal Businessdays organisiert. comm-press war Community Sponsor.

Mit "Drupal Business" möchte Ivo eine neue Marke schaffen, unter der in Zukunft Marketing-Veranstaltungen rund um Drupal in Europa stattfinden sollen. Folgerichtig wurden alle Sessions auf englisch gehalten.

Am Event waren rund 180 Teilnehmer angemeldet. Die Teilnahme am CXO-Tag konnte separat gebucht werden.
Am Event waren rund 180 Teilnehmer angemeldet. Die Teilnahme am CXO-Tag konnte separat gebucht werden.

Das nächste Event könnte bereits am Montag, dem 25.09.17, während der DrupalCon Wien stattfinden, der bekanntlich den Sparmaßnahmen der Drupal Association zum Opfer gefallen ist.

Erwartbarerweise waren die Themen marketinggetrieben. Anstelle technischer Perspektiven stand die Wahrnehmung des Kunden und die Wertschöpfung durch digitale Prozesse im Fokus. In einer Keynote wurde gezeigt, wie Marken Belohnungsanreize stimulieren. Dies deckte sich mit dem Vortrag von Thomas Strerath von Jung von Matt auf der Handelskammer-Veranstaltung "Mittelstand@Kunde".

Auf dem CXO-Tag gab es zum gegenseitigen Kennenlernen und zur Auflockerung kleinere Workshop-Einlagen zwischen den Sessions.
Auf dem CXO-Tag gab es zum gegenseitigen Kennenlernen und zur Auflockerung kleinere Workshop-Einlagen zwischen den Sessions.

Im Gegensatz zu den klassischen Drupal-Camps, die ähnlich wie Barcamps und für Entwickler organisiert werden, wenden sich die Businessdays in erster Linie an Agenturinhaber und Entscheider. Während die Sessions derzeit noch von Inhabern oder Projektmanagern der Agenturen vorgetragen wurden, sollen bei kommenden Events die Kunden selbst auf der Bühne treten und ihre Erfolgsstories vortragen. Für andere Kunden ist das interessanter und glaubhafter, weil Drupal-CXOs mit erfolgreichen Projekten letztendlich immer auch für das eigene Unternehmen werben.

Den Organisatoren ist es gelungen, hochkarätige Sprecher aus der ganzen Welt zum Event zu bringen. So sind z.B. Zach Chandler, der Direktor für Research IT & Innovation von der Stanford University sowie Glenn Hilton, CEO von ImageX Media extra aus Palo Alto, Kalifornien, bzw. Vancouver, Kanada, angereist.

API-first: Zach Chandler kam extra aus Kalifornien angereist und von der Drupal-Landschaft an der Standford Universität erzählt.
API-first: Zach Chandler kam extra aus Kalifornien angereist und von der Drupal-Landschaft an der Standford Universität erzählt.

Das Programm war sehr straff organisiert: Folien der Speaker waren bereits im Vorwege einzureichen. Jeder Speaker hatte exakt 30 Minuten Zeit für seine Session.

Das Camp fand im Radisson Blue Hotel statt und die Tickets haben für drei Tage 200 EUR gekostet. Dafür bekam man drei komplette Tage mit geballtem Programm geboten.

Donnerstag: CXO-Day

Die Sessions waren alle auf 30 Minuten getaktet. Alle drei Sessions gab es Pausen zum Netzwerken und Kaffeetrinken.
Die Sessions waren alle auf 30 Minuten getaktet. Alle drei Sessions gab es Pausen zum Netzwerken und Kaffeetrinken.

Am Donnerstag gab es einen CXO-Day, der separat gebucht werden konnte. Alle Sessions fanden in einem großen Raum mit mehreren runden Tischen statt, die während der Workshop-Einlagen als Inseln für die Gruppen genutzt wurden.

Janne Kalliola: Wer nicht schnell genug wächst, geht unter

Eine interessante Session hat Janne Kalliola, dem CEO von Exove gehalten: "You need to grow to stay alive!".

Drupal wird nicht weiter wachsen, wir müssen wachsen. Durch den Launch auf Drupal 8 werden wir nicht von selbst mit dem Wachstum rechnen können, das uns Drupal 7 Anfang der 10er Jahre bei der Ablösung von Drupal 6 beschert hat.

Während Applikationen mit Drupal früher vergleichsweise monolithisch konzipiert waren, kommt es heute eher darauf an, Drupal in eine Architektur verschiedenster Dienste einzubetten. Projekte werden komplexer und für ein Projekt werden heute erheblich mehr Kenntnisse auf unterschiedlichen Gebieten benötigt.

"Money follows value": Der Wettbewerb wird stärker zunehmen, einfache Dienste werden automatisiert. Um mit den Entwicklungen mithalten zu können kommt es darauf an, sich und seine Produkte zu diversifizieren und sich weiter zu spezialisieren.

Die Herausforderungen für Agenturen bestehen darin, mehr Wissen über verschiedene Technologien zu besitzen, sich auf Zielgruppen zu spezialisieren und insgesamt strategischer zu agieren. Es ist wichtig "Multitalents" im Team zu haben und zu halten.

Agenturen sollen sich stärker auf die Bedürfnisse ihrer bestehenden Kunden zu fokussieren. Umsätze lassen sich leichter mit vorhandenen als mit neuen Kunden steigern.

Dabei hat Janne ein drastisches Bild eines Haifischbeckens gezeichnet, in dem wir uns bewegen: Wer langsamer wächst als der Wettbewerb, schrumpft. Wer gar nicht wächst, hat bereits verloren. Mit der kuscheligen Community-Haltung, es sei genug Geschäft für alle da, der ich erfreulicherweise auch noch häufig begegne, hat dieses Bild nichts mehr zu tun. Möglicherweise sind das die Schattenseiten der Medaille, nachdem Drupal nun erwachsen ist. Wie Janne schon sagte: "Money follows value" und Drupal ist nur noch ein Teil vom Ganzen. Das trifft nicht nur nur auf Endkunden sondern auch auf Agenturen zu.

Freitag: Session-Programm

Am Freitag gab es Sessions zu drei verschiedenen Themen "Digital Transformation", "Digital Government" bzw. "Technical Leaders" und es gab einen Raum mit Lightning Talks. Die Sessions, die mich am stärksten interessiert haben, befanden sich alle im Track "Digital Transformation", sodass ich den "Dow"-Raum kaum verlassen habe.

Collin Müller: Lessons learned in Thunder's first year

In seiner Keynote Drupal at Hubert Burda Media hat Collin Müller, der Head of Strategic Development von Hubert Burda Media die Bedeutung und Kraft von Open Source herausgestellt. Als Open Source CMS ist Thunder für ihn die logische Konsequenz offener Standards.

Collin Müller stellt Thunder vor. Auf den Folien sieht man, dass sich das Who is Who der Verlagswelt für Thunder interessiert.
Collin Müller stellt Thunder vor. Auf den Folien sieht man, dass sich das Who is Who der Verlagswelt für Thunder interessiert.

Dabei hat er Thunder als das beste Content Mangement System ever dargestellt. Implizit sagt er damit, dass Drupal in erster Linie kein CMS mehr ist. Mit Blick auf die Session von Janne stimme ich ihm zu: Drupal ist in Projekten eine Komponente neben anderen.

Ansonsten hat er im Kern die Session vorgetragen, die Julia Pradel bereits auf dem DrupalCamp Frankfurt vor wenigen Wochen vorgestellt hat.

Der Umstand, dass Drupal in Zukunft Base- und Parent-Profile analog zu Themes unterstützt, macht den Einsatz von Thunder für Agenturen mit individuellen Best-Practices noch einfacher.

Kresten Wiingaard: From Brick & Mortar to Omnichannel in 3 years

Geschickte Digitalisierung bietet kleineren Kunden die Möglichkeit größere Marktanteile zu erobern. In seiner E-Commerce Fallstudie hat Kresten Wiingaard, CEO der dänischen Agentur "adapt" den erfolgreichen Launch eines Sportschuhgeschäfts vorgestellt, bei dem sein Kunde den Umsatz von einem niedrigen sechsstelligen Betrag innerhalb von drei Jahren auf 15 Millionen Euro steigern konnte.

Kresten Wiingaard hat vorgestellt, wie sich ein vergleichsweise kleiner Händler in Dänemark mit E-Commerce ein beachtliches Stück vom Kuchen gesichert hat.
Kresten Wiingaard hat vorgestellt, wie sich ein vergleichsweise kleiner Händler in Dänemark mit E-Commerce ein beachtliches Stück vom Kuchen gesichert hat.

Durch Kickback-Zahlungen von Online-Verkäufen an den jeweiligen lokalen Shop im Einzugsbereich des Bestellers hat er die Konkurrenz zwischen Ladengeschäft und Online überwunden. Endkunden haben die Möglichkeit, online bestellte Ware innerhalb von 30 Tagen im Ladengeschäft zu tauschen oder zurückzugeben.

Zielgruppenerechte Anspreche: Da Kiddies heutzutage zum Großteil über Messanger kommunizieren, haben sich Chatbots als interessante Kommunikationskanäle erwiesen.

Durch diverse Vergünstigungen wie z.B. frachtfreie Lieferung, konnte der Kunde erreichen, dass 98% seiner Endkunden im eingeloggten Zustand surfen. Dadurch erfährt er viel über deren individuelles Verhalten und kann z.B. mit entsprechenden Angebote reagieren.

Samstag: Sightseeing und Netzwerken

Trotz ungünstiger Wetterprognose gab es eine Stadtrundfahrt mit strahlendstem Sonnenschein und offenem Verdeck.
Trotz ungünstiger Wetterprognose gab es eine Stadtrundfahrt mit strahlendstem Sonnenschein und offenem Verdeck.

Der Samstag war als Netzwerk- und Sightseeing-Day vorgesehen. In der Nähe vom Hauptbahnhof begann um 12:45 eine Stadtführung im Doppeldeckerbus und später zu Fuß. Ab 15:00 sind die Teilnehmer zu einer Bootsfahrt auf dem Rhein mit anschließendem Dinner aufgebrochen – die Anfahrt erfolgte mit Bussen. Wegen meiner im Vorweg gebuchten Zugfahrt habe ich leider nicht daran teilnehmen können.

Innere Widerspüche

Als Sponsor hatte ich es unglücklicherweise übersehen, dass ich mich zu dem CXO-Dinner am Donnerstag Abend noch einmal separat hätte anmelden müssen. Als ich das Event tagsüber noch buchen wollte, war es bereits ausverkauft. Am Freitag habe ich mir sagen lassen, dass ich einen netten Abend mit atemberaubenden Ausblick vom zweithöchsten Hochhaus Frankfurts verpasst habe.

Von anderen Teilnehmern habe ich gehört, dass sie genau wie ich am Samstag Sessions erwartet und vom Sightseeing-Programm überrascht wurden. Da das Event von mittags bis in den späten Abend angesetzt war, waren nur rund 20 Teilnehmer dabei. An der Rheinfahrt hätte ich gern teilgenommen und meine Rückfahrt entsprechend anders gebucht. Ein rechtzeitiger Blick auf das Programm hätte das sicherlich aufklären können.

Scheinbar hat das neue Format viele Teilnehmer überrascht, die ganz selbstverständlich einen Camp-ähnlichen Ablauf erwartet haben.

Jochen Lillich kam aus Irland angereist und hat erzählt, wie er sein Hosting-Unternehmen Freistil IT mit agilen Methoden managed.
Jochen Lillich kam aus Irland angereist und hat erzählt, wie er sein Hosting-Unternehmen Freistil IT mit agilen Methoden managed.

Unabhängig davon habe ich mir ein paar Gedanken über innere Widersprüche gemacht, die mir auf diesem Event aufgefallen sind und die ich zuvor oft schon auf DrupalCons wahrgenommen habe:

Frontalvorträge

Trotz moderner Management-Credos wie "Open Web", "agile", "lean" etc. war das Event recht konservativ im Sinne von Konferenzen organisiert. Bekanntlich sind selbst "normale" Drupalcamps durch ihr im Vorhinein festgelegtes Programm keine "Unconferences" wie z.B. Barcamps. Die Businessdays waren jedoch noch stärker "konferenz-like": Es gab ein akribisch festgelegtes Sessionprogramm, welches sogar auf Print-Broschüren verteilt wurde. Da sich Print-Broschüren nicht wie Websites im Nachhinein editieren lassen, ist eine erhebliche Verbindlichkeit in der Planung erforderlich. Speaker mussten ihre Präsentationen vorher einreichen.

Brauchen Entscheider Frontalvorträge? Spricht etwas dagegen, die Sessions wie auf einem Barcamp in einer Findungsrunde zu pitchen? Das Agenturcamp hat gezeigt, dass es auch anders geht. Vielleicht wären solcherart organisierte Businessdays die nächste Stufe der Transition auf dem Weg zu modernem Management.

Dresscode

Es gab natürlich keinen offiziellen Dresscode. Aber der Kleidungsstil der Teilnehmer bewegte sich im Vergleich zu anderen Drupal-Veranstaltungern weg von casual in Richtung zu "Schlipsträger". Klar, das war ja schließlich eine Business Veranstaltung.

Aber halt, Moment... Warum ist das eigentlich so? Wer erwartet, dass auf Business-Veranstaltungen Anzüge getragen werden? Wollen wir selbst uns auf diese Weise geben – fühlen wir uns damit wohler? Oder sind das vorweggenommene Erwartungen unserer Kunden, die auf dem Event zwar erwünscht, aber gar nicht zugegen waren? Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger finde ich das (selbst-)verständlich.

Preise

Das Event fand im Radisson Blue, einem hochpreisigen und exklusiven Hotel statt.

Barcamps sind kostenlos oder sollten es zumindest sein. Der vergleichsweise hohe Preis stellt eine Hürde dar und grenzt bestimmte Teilnehmer potentiell aus. Wie ich über das Agenturcamp Hamburg geschrieben habe, muss das jedoch nicht per se negativ sein. Eine Selektion der Teilnehmer über den Preis kann jedoch durchaus zielführend sein, indem man den Kreis auf ernsthaft Interessierte beschränken möchte, die bereit sind, etwas dafür (auszu-) geben. Insofern stelle ich die relativ hohen Preise nur fest und möchte sie nicht beurteilen. Dieses Event war eine Konferenz und kein Barcamp. Insofern ist dies sicherlich der kleinste Widerspruch.

Meine "zwei Cent"

Ungeachtet dessen ist es Ivo mit dem neuen Format gelungen, ein internationales und attraktives Publikum zu erreichen. Im Gegensatz zu manch einem Business Summit auf DrupalCons habe ich die Talks überwiegend als attraktiv erlebt und freue mich auf die Fortsetzung in Wien.

Wenn wir das Event auch für unsere Kunden interessant gestalten wollen, müssen wir zusehen, sie auf die Bühne bringen. Auf diese Weise können wir Drupal mehr Wahrnehmung im Enterprise Bereich verschaffen.

Alles in allem war das ein tolles Event, das sehr gut vorbereitet und durchgeführt wurde. Mein einziger Vorschlag wäre, in Zukunft etwas mehr Unconference zu wagen.

Frank Holldorf, Johannes Haseitl und ich. Auch auf diesem Event haben die üblichen Verdächtigen nicht gefehlt. (Manuel Pistner hält gerade seinen Vortrag)
Frank Holldorf, Johannes Haseitl und ich. Auch auf diesem Event haben die üblichen Verdächtigen nicht gefehlt. (Manuel Pistner hält gerade seinen Vortrag)