"Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer."
- Xavier Naidoo -


Anmerkung: Titel und Interpret entsprechen nicht unbedingt dem Geschmack des Autors.
Wer eine etwas härtere Gangart bevorzugt, der möge doch beim Lesen dieses Artikels bitte lieber "Highway to hell" von AC/DC vor sich hin summen (aber leise).
Vielleicht etwas martialischer – dieser Song trifft aber den "steinigen Weg" der Produktentwicklung ebenfalls ganz gut.

comm-press denkt seit einiger Zeit über die Entwicklung eines Produktes nach. Auf der DrupalCon in Barcelona fand eine dazu passende Session von Drew Gorton statt:

Making the Leap:
Successful Products as a Web Agency

Drew Gorton - Gründer von Gorton Studios
Full Service Agency - Websites & Produkt-Entwicklung (NodeSquirrel - Secure Offsite Backup für Drupal & WordPress)

Produktziele

Produktdefinition

Der lange Weg zum Produkt beginnt mit einer Produktdefinition, die aufgestellt wird, bevor die Produktentwicklung beginnt. Innerhalb der Produktdefinition wird geklärt, was wie erreicht werden soll. Drew Gorton schmunzelt, als er ausführt:
 "Das scheint eigentlich sonnenklar. Es bedeutet aber nicht, dass dies in der Regel tatsächlich auch in dieser Reihenfolge so stattfindet".

Die Produktdefinition gliedert sich in fünf Punkte:

1. Ziele:
Warum tun wir es? "Doing the right thing."
2. Erfolg:
Was wird es erfolgreich machen? Wann sind wir erfolgreich?
3. Methoden:

Wie und Wo finden das erforderliche Geld/die erforderliche Zeit es zu tun?
4. MVP Minible Viable Product:
Wie sieht die minimalste Version unseres Produktes aus, das wir erschaffen wollen?
5. Marketing:
Wie erreichen wir unsere Kunden?

Ziele

1. Die Ziele

In der obenstehenden Tabelle führt Gorton ein Raster der Pros und Contras möglicher Ziele vor. Seiner Empfehlung nach sollen mindestens drei Punkte durch die Umsetzung des geplanten Produktes positiv bewertet werden können, ansonsten erscheint der Erfolg gefährdet, wenn nicht zweifelhaft. Erreicht man vier Punkte, so liegt man bereits im Bereich von Gut - je mehr positive Ziele benannt werden können, umso besser.

Spaß – Motivation:
Machen, wozu man wirklich Lust hat (Einzelperson oder Team)

Lernen – Learning by doing:
Ein kontinuierlicher Prozess. 
(Anmerkung: Lernen bei der Produktentwicklung ist nicht unbedingt der effizienteste Weg zur Produktentwicklung. Ein Weg den man gehen kann, der aber nicht unbedingt empfehlenswert ist.)

Internal Need – "Etwas" wird gebraucht:
Zum Beispiel Dinge, die man im Projektalltag immer wieder für unterschiedliche Projekte erstellen muss: Dabei ist es besonders wichtig NICHT an den Vorteil zur internen/eigenen Verwendung zu denken. Es ist erheblich schwieriger, ein Produkt für Kunden zu entwickeln als nur für sich selbst. Und bei einem Produkt ist es bedeutsam, an den Mehrwert der Kunden zu denken, die es einsetzen.

Leadgenerierung – "WIR haben das gemacht":
Die Nutzer sehen ein Produkt und finden es toll. Erwünschter Effekt: Auch das Unternehmen, dass das Produkt entwickelt hat, soll toll gefunden werden. Das Problem besteht laut D. Gorton hier darin, dass die meisten im Internet kostenlose oder kostengünstige Lösungen erwarten.

Thought Leadership – Einen Ansatz formulieren und entwickeln:
Großer Reichweite und Anerkennung. 
Das Herausforderung hierbei: Um diese Position zu rechtfertigen, muss auch in Z
Die strategische Kombination aus Vordenkerrolle:ukunft Wartung und Weiterentwicklung des Moduls beständig getragen werden.

Profit – Der Reiz des Geldes:
Beim Abverkauf des Produktes Umsätze generieren, während man schläft. D. Gorton: "You get less money then doing service." - und meint damit: Projektentwicklung wird vom Kunden, Produktentwicklung aus der eigenen Tasche bezahlt. Diese Kosten müssen erst einmal erwirtschaftet werden.

2. Der Erfolg:

Der Erfolg eines Produktes lädt sich am besten messen, wenn von vornherein Erfolgskriterien definiert werden. Beispiele für Erfolgskriterien können sein:

  • So-und-so-viele User zu dem-und-dem Zeitpunkt
  • 1.000 Leads in den folgenden 12 Monaten

Entscheidend ist, dass diese Ziele überhaupt definiert werden. Ob die zugrunde gelegten Werte zunächst entweder zu hoch oder zu niedrig justiert werden, ist zunächst jedoch nicht ausschlaggebend. Wichtig ist vielmehr, dass erste Erfahrungen mit dem Produkt und seiner Erfolgsmessung gesammelt werden. Die Erfolgsmessung kann, soll und wird in der Anfangsphase wieder und wieder fein justiert.
Diese Feinjustierung soll, so Gorton:
"Nicht in Selbstbetrug ausarten, sondern auf einer realistischen Basis stehen". Und führt weiter aus: "Wenn man nicht weiss was man erreichen will, so wird man es auch nicht erreichen."

Daher muss im Laufe der Produktentwicklung immer wieder hinterfragt werden:

  1. Ist es die Zeit und das Geld wert, dass das Unternehmen in dieses Produkt investiert?
    Solange diese Frage mit einem ehrlichen Ja! beantwortet werden kann, ist alles in Ordnung.
  2. Sollen wir dem Produkt weitere/neue Features hinzufügen?
    Die Antwort auf diese Frage laute in der Regel: Nein !

Hierbei ist immer das MVP im Auge zu behalten. Ist dieses sauber definiert, fehlen folglich zum initialen Release keine weiteren Features.
(
Zur Erinnerung: MVP = Minible Viable Product. Das MVP wird im Text weiter unter erläutert.)

Folgendes lässt sich über die Erfolgsmessungen zusammenfassen:

  • Definieren Sie, was Erfolg und Misserfolg für Sie bedeuten.
  • Seien Sie sich im vornherein darüber im klaren, wieviel Zeit und Geld Sie zu investieren bereit sind.
  • Legen Sie fest, welche Merkmale oder Ergebnisse Ihnen sagen, dass es besser ist, den Stecker zu ziehen.

Methoden
Methoden

3. Die Methoden

Welche Ressourcen stehen zur Verfügung?

  • Nächte & Wochenenden
  • Offenes Zeitkontingent (keine Projekte zur Umsetzung)
  • Geld (zusätzliche Kräfte)

Es ist von wesentlicher Bedeutung einem Produkt Raum zum Wachsen zu geben.
Zum Beispiel: Engagierte Mitarbeiter, finanzielle Ressourcen, etc.
Aber es ist von ebenso hoher Bedeutung sich ebenfalls darüber bewusst zu werden, ob und wie eine Produktentwicklung ihr "Alltagsgeschäft" stärken oder schwächen kann.

Wenn diese – und das ist der Regelfall – nicht direkt und symbiotisch Teil des Tagesgeschäftes sind behandeln Sie die Produktentwicklung als separates Geschäft – also hinsichtlich Budget, Umsetzungszeitrum, etc
. Und zwar auch dann, wenn Sie kein neues Produkt-Umsetzungsteam gebildet haben.

Minimal Viable Product

4. Minible Viable Product – MVP

Definition:

Ein "Minible Viable Product" ist die kleinste, den Benutzern einen Mehrwert liefernde Einheit eines Produktes, die gefertigt werden kann.

D. Gorton: "In der Regel ist ein MVP wesentlich kleiner, als man es sich zunächst denkt."
Die Herausforderung – gerade bei der Entwicklung von neuen Produkten – liegt unter anderem darin, einen Funktionsumfang zu finden, der einerseits ein echtes Nutzer-Problem löst (-> das Produkt ist "viable", d.h. brauchbar); andererseits sollte der Umfang aber nicht zu groß sein, sodass man nicht zu viel Zeit und Ressourcen verwenden muss (-> das Produkt ist "minimal").

Um diese Herausforderung in den Griff zu bekommen, ist es ist sehr wichtig, frühzeitig Feedback von Nutzern aus einer relevanten Zielgruppe einzuholen. Sonst besteht die Gefahr, dass ein Produkt entwickelt wird, welches dem User keinen Mehrwert bietet und daher von ihm auch nicht genutzt wird.

Ein Minible Viable Product stellt also keineswegs nur ein blosses Experiment dar, anhand dessen eine Nutzen-Hypothese getestet werden soll.
Im Gegenteil: Ein MVP ist bereits ein echtes Produkt, welches man allerdings zunächst nur einem kleinen Kreis an Nutzern oder Early Adopters zur Verfügung stellt.

Folgendes lässt sich über das Minible Viable Product zusammenfassen:

  • Usable – das Produkt sollte nicht abstürzen (!)
  • Minible – kleinstmögliche Version.
  • Viable – mit einem Mehrwert (Nutzen) für den Kunden (Benutzer)
  • Corefunctions – Vermeiden, dass ein "to-much-functions" den eigentlichen Kern des Produktes verschleiert.
  • Market – Ein Problem wird mit den Einsatz des MVP gelöst.
  • Early Adopters – ausgewählter Kreis von Test-Nutzern, von denen man weiß (oder vermutet), dass sie mit dem MVP etwas tun können, was sie vorher nicht tun konnten.
  • Ressources – möglichst wenig Zeit und Geld auf Entwicklung verwenden.
  • Identity – das Produkt sollte identifizierbar sein: Es sollte einen Namen tragen, ein Logo haben und ein Farbschema besitzen.
  • Pricing – Es sollte Preismodel existieren (kostenlos/zahlungspflichtig).
  • Marketing – Es sollte eine Idee existieren, wie das Produkt den Kunden erreicht.

Übrigens - ein Hinweis an die Besorgten unter uns:
Machen Sie sich keine allzu großen Gedanken vor "Ideenklau" – die wirkliche Herausforderung ist in der Regel nicht die Idee, sondern die Umsetzung.

Christof van Tomme - CEO Provonix, Walk Hub
Christof van Tomme - CEO Provonix, Walk Hub

Als Product Owner bist Du Dein eigener schlimmster Feind. Es ist sehr einfach, sich in den Hölle der "Featuritis" zu begeben. Erstellen Sie ein minimales Produkt und stellen Sie sicher, dass die Menschen die es benutzen, zu Ihnen zurückkommen und es mehr und mehr benutzen.

"Wenn Sie diesen Punkt erreicht haben, verschwenden Sie keine Zeit zum Hinzufügen von zusätzlichen Funktionen: Hinzufügen von Chrom kann eine kaputte Maschine nicht reparieren".
- Kristof Van Tomme - CEO Provonix, WalkHub -

Marketing
Marketing

5. Marketing

Als letzten Punkt führte D. Goten seine Überlegungen hinsichtlich des Marketings aus. Nachdem er zunächst erklärt, ab wann eine Web-Agentur eine Markteting-Abteilung gründen sollte (meist ab einer Mitarbeiterstärke von 25-30 Angestellten), betont er folgenden Satz:
"You need customers more than you need features."
Und folgert daraus: Als erstes sei nicht etwa das Produkt zu entwickeln, sondern eine Marketingseite. Das A und O einer erfolgreichen Produktentwicklung ist die frühzeitige Evaluierung eines möglichen Marktes. Die Erkenntnis, ob ein Produkt erfolgreich entwickelt und vermarktet werden kann, soll also bereits beginnen, bevor Ressourcen in die oben beschrieben Schritte investiert werden.

Konkrete Marketingmaßnahme: Aufbau einer Landingpage

  • Landingpage mit CI
  • Gute Produktbeschreibung

  • Hinweis: Product out soon ...
  • SignUp Form (Newsletter/Forum/etc.)
  • Google Adwords
  • Metric (Google Analytics, Piwik, etc.)

Zu klären ist, ob eine Produktidee grundsätzlich auf Interesse stösst. Welche Gedanken zukünftige Nutzer sich um das geplante Produkt machen, welche Wünsche sie mit ihm verbinden, wie sie es sich im Großen und Ganzen vorstellen – sprich: eine Art von Marktforschung zu betreiben.

Aus den hier zu gewinnenden Erkenntnissen lässt sich eine ganze Menge von Anforderungen an das zu entwickelnde Produkt ableiten:
Abwägen, Verfeinern oder Verwerfen der geplanten Features bereits in der Konzeptionsphase.

Diese Erkenntnisse sollten zum Teil bereits in die Realisierung des MVP einfliessen. Die interessierten Nutzer, die in der Marktforschungsphase erreicht werden können, stellen natürlich eine hervorragende Basis der Early Adopters dar, mit deren Hilfe die Beta-Version bzw. das MVP auf Herz und Nieren geprüft werden kann.

Fazit

Die äusserst gehaltvolle Session von Drew Gorton dauerte nur eine Stunde. Die Informationen waren aber derart zahlreich, dass dieser Artikel umfangreicher geraten ist, als ich es erwartet hatte - sorry for that.

Mit der eigentlich Entwicklung eines Produktes kann sich die Session inhaltlich natürlich nicht beschäftigen, diese ist ja von dem jeweiligen Produkt und seinen ganz speziellen Anforderungen abhängig und immer individuell.

Wie man aber "den Sprung wagt" (Making the Leap) und vor allem einigermassen kontrolliert zur Landung ansetzen kann, hat Drew Gordon mit seinen zahlreichen Hinweisen und Tipps sehr gut umrissen.
Vielen Dank für diese spannende Session.

Video der Session: https://events.drupal.org/barcelona2015/sessions/making-leap-successful-...