Ralf Hendel, Geschäftsführer
Drupal Enthusiast und Freizeit-Pianist.

Community-Camp Thema Scrum

Das fünfte Community-Camp: Scrum auf dem Berliner Wohlfühl-Camp

Nachdem letztes Jahr Gerüchte aufgetaucht waren, denen zufolge das Camp dieses Jahr nicht mehr stattfinden würde, habe ich mich sehr gefreut, als mich die Terminankündigung für das fünfte Community-Camp über mixxt erreicht hat.

Wie generell bei allen Barcamps üblich, wird Wissen vorbehaltlos geteilt und man arbeitet sich gemeinsam tiefer in Themengebiete ein. Das Berliner CommunityCamp bietet darüber hinaus außerdem von allen Camps, die ich kenne, die netteste Atmosphäre.

Die "magische" Atmosphäre auf dem Wohlfühl-Camp

Verallgemeinernde Sätze sind zwar immer problematisch, aber ich empfinde es wirklich so, dass die TeilnehmerInnen dort ALLE ausgesprochen nett und aufgeschlossen sind. Ich habe dort noch nie eine hässliche Szene erlebt. Auf eine magische Weise "herrscht" dort eine Wohlfühlatmosphäre, die anderes gar nicht zulässt :-)

Dank neuer Sponsoren wie z.B. Immonet konnten dieses Jahr sogar 250 Plätze angeboten werden. Alle Plätze waren vollständig kostenlos und mit Vollverpflegung.

Außerdem feierte das CommunityCamp dieses Jahr seinen fünften Geburtstag. Dafür gab es einen riesigen Kuchen für alle.

Wie der Name zu recht vermuten lässt, geht es auf dem Camp überwiegend zum Social Media und Community-Management. Rein technische Themen stellen hier die Ausnahme dar.

Insofern hatte ich auch keine Drupal-Session vorbereitet, sondern mir stattdessen zwei blaue Sweatshirts mit dem Schriftzug "Ask me about Drupal" und einem großen Druplicon vorne und hinten eingepackt.

Während der Vorstellungsrunde hat mich Ralf Zosel gefragt, ob wir nicht zusammen eine Scrum-Session machen wollen. Letztes Jahr auf dem CommunityCamp hatte ich Scrum vorgestellt und seitdem würden sie bei sich im Unternehmen Scrum einsetzen.

Ich war von der Idee begeistert. Wir haben uns kurz über die Inhalte abgestimmt und mitgepitcht. Zwei Kolleginnen von XING haben dann auch noch eine Session zu Kanban in nichttechnischen Prozessen angeboten. Beide Sessions haben wir direkt hintereinandergelegt, sodass ab 14:00 Uhr ein eigener Themenkomplex "agiles Management" im THC – ähhh – HTC-Raum entstand.

Agile Software-Entwicklung mit Scrum

Ralf Zosel hat zu Beginn erläutert, was Scrum genau ist. Ich führe das hier nicht noch einmal aus, da wir bereits früher darüber gebloggt hatten. Wer mag, kann das hier nachlesen.

Wir hatten uns ausgedacht, dass wir die Session gemeinsam nach dem Modell "guter Bulle / böser Bulle" aufziehen. Mein Part bestand daher darin, aufzuzeigen, warum sich Scrum in der Praxis nicht 1:1 umsetzten lässt und wo wir bei comm-press Schmerzen in unseren agilen Prozessen haben.

Die Vorteile von Scrum bzw. agilen Prozessen gegenüber klassischen Methoden liegen ganz klar im Know-how-Transfer und der hohen Kommunikation und Motivation im Team. Bei Scrum hat das Team sehr viel mehr Gestaltungsspielraum und trägt mehr Projektverantwortung als in klassischen Projekten.

Hinsichtlich der Frage nach Projektmanagement-Tools bin ich nach wie vor davon überzeugt, dass kleine Zettelchen, die über ein Projektboard wandern, eine bessere Übersicht über den Projektstatus vermitteln können als elektronische Tools. Man erkennt so auf den ersten Blick, wo der Prozess stockt.

Lernerfahrungen mit Scrum

Der PO ("Product-Owner") muss loslassen können! Er muss lernen, seine User Storys bewusst umgangssprachlich und nicht-technisch zu formulieren. Das Team entscheidet dann über die Methode der technischen Implementierung.

Unseren Erfahrungen nach ist es wichtig, Scrum möglichst undogmatisch zu betreiben. Die klassische Rollentrennung halten wir nicht aufrecht. Bei uns arbeiten Scrum-Master und mitunter auch der PO am Projekt mit.

In den Planungsmeetings führen wir gemeinsam eine Aufwandsschätzung durch, verzichten aber auf einen umfangreichen Sprintpoker und Ermittlung exakter Sprint-Points für die einzelnen User Stories.

Die unbedingte Sprint-Fokussierung erscheint uns nicht zielführend. Im Gegenteil halten wir es für wichtig, einzelne Inkremente sobald als möglich gegen eine Abnahme-Umgebung auszurollen, damit der Kunde sie dort abnehmen kann und die Code-Bestandteile produktiv genommen werden können.

Selbstverständlich sind die einzelnen Komponenten vorher darauf zu testen, dass sie sich auch im Zusammenspiel miteinander vertragen.

Nach unseren Erfahrungen eignet sich Scrum besser für initiale Projekte, Kanban hingegen besser für den begleitenden Support und die Weiterentwicklung.

Herausforderung Abrechnung: "außen werksvertraglich – innen agil"

Scrum eignet sich zudem hervorragend für die Umsetzung eigener Projekte. In Dienstleistungsverhältnissen sind Kunden zwar häufig davon begeistert, sich während eines Projekts ständig umentscheiden zu können, legen aber gleichzeitig Wert auf eine vorher festgelegte Budgetierung.

Ein Angebot bekommt auf diese Weise immer etwas den Charakter einer Wette. Man kann aber gegensteuern, indem man mit dem Kunden vereinbart, die Feinkonzeption der Leistungsmerkmale auf den Projektrahmen abzustimmen und diese gegebenfalls etwas schlanker zu konzipieren. Seriöse Kunden werden dafür Verständnis aufbringen.

Die Fokussierung auf Sprints und damit auf die Erstellung frühzeitig ausrollbare Software-Inkremente, die vom Kunden auf einer Test-Umgebung abgenommen werden können, bringt dem Anbieter Rechtssicherheit. Thomas Schwenke wies darauf hin, dass diese Teilabnahmen dem Anbieter helfen, im Zweifel den Projektfortschritt dokumentieren zu können.

Schmerzen mit Scrum

Die Sprintplanungsmeetings können leicht ausufern. Ich habe einmal gehörte, dass die Sprintplanungen inkl. des Planungspokers höchstens 5% der Sprintiteration dauern sollen. Das haben wir nie hinbekommen. Wenn man am Montag nach sechs Stunden immer noch in der Planung steckt, werde ich schon etwas nervös. Bei sechs Teilnehmern sind dann immerhin schon viereinhalb Personentage verbraucht ...

Mittlerweile lassen geben wir den Planungsmeetings nur zu Beginn eines Projekts mehr Lauf und straffen sie anschließend.

Mit unseren Boards im Teamraum haben wir gute Erfahrungen gemacht. Problematisch wird es aber, wenn Mitarbeiter remote mitarbeiten wollen. Hier haben wir noch keine gute Lösung gefunden.

Elektronische Projektmanagement-Tools bieten eine Menge hilfreicher Schmankerl: Es gibt keine Probleme beim Lesen fremder Handschriften. An Tickets lassen sich Dateien anhängen. Und die Zeiterfassung ist einfacher.

Hier hoffen wir, dass uns das neue drupalbasierte Tool names "Erpal" weiterhilft: Die Tickets lassen sich elektronisch erfassen und ausdrucken, um sie am Board durch den normalen Prozess laufen lassen zu können.

Agil bleibt für uns alternativlos

Trotz aller Herausforderungen stellt agile Entwicklung für uns die einzige Lösung dar. Aus meiner Sicht kommt es darauf an, die zum Unternehmen passenden Prozesse zu finden und weiterzuentwickeln

Neben unserer Session gab es natürlich noch eine Menge weiterer spannender Sessions zu Themen wie Community-Building, rechtlicher Aspekte von Nutzerprofilen oder auch einer Selbsthilfe für Social Media Manager. Aus den Sessions kann ich nur stichwortartig die Highlights wiedergeben, die mir aufgefallen sind. Leider ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Community-Building für Start-ups (Silke Schippmann und Cihan Boz)

Silke Schippmann war als Community-Managerin jahrelang "das Gesicht von XING" und hat sich erst vor kurzem mit ihrer Firma "DialogArtists" selbständig gemacht. Cihan Boz ist Community-Manager bei notebooksbilliger.de.

Sie wies darauf hin, dass sich neue Communities in Zeiten von Facebook unbedingt auf eine Zielgruppe bzw. einen zentralen Mehrwert konzentrieren und diesen klar kommunizieren müssen.

Rollen in Communities: Unbequeme Personen sind für jede Community wichtig. Es gibt die "90/9/1"-Regel: 90% einer Community lesen nur mit, 9% kommentieren fremde Beiträge und nur 1% der Teilnehmer veröffentlicht eigene Beiträge. Die 90% sind jedoch unverzichtbar, weil sie gewissermaßen für die Akteure das Publikum darstellen. Ohne Publikum gibt es keine Schauspieler. Die wichtigsten Player sind jedoch die neun Prozent, weil sich nur aus diesen aktive Beitragsschreiber generieren lassen. Dies lässt sich zum Beispiel dadurch erreichen, dass Community-Manager ihre Nutzer für (wirklich) gute Beiträge loben.

Silke empfiehlt, klare Regeln aufzustellen und deren Einhaltung auch strikt zu überwachen. Wenn Verfehlungen zugelassen werden, werden weitere Verfehlungen laut der "Broken Glass Theory" regelrecht gezüchtet.

Wirkliche Trolle sind allerdings selten. Häufig sind diejenigen, die am meisten meckern, in Wirklichkeit engagierte und aktive User und keine Trolle. Moderatoren solllten am besten versuchen Kontakt herzustellen, um ihr Anliegen zu verstehen.

Ein Tipp noch: Man sollte nicht die aktivsten User zu Moderatoren machen. Diese User sind zwar gute Beitragssschreiber, aber nicht unbedingt gute Moderatoren. Gute Moderatoren erkennt man an ihren ausgewogenen und moderierenden Kommentaren.

Bildrechte, Abmahnungen und Datenschutz von Social-Media-Profilen (Thomas Schwenke)

Unser Lieblingsanwalt Thomas Schwenke hat dieses Mal gleich zwei Sessions gehalten.

Zur Zeit betreibt ein bestimmter Anwalt mißbräuchliche Abmahnungen wegen fehlender Facebook-Impressumsseiten. Für ein Impressum gilt grundsätzlich, dass es permanent erreichbar und unmittelbar erkennbar sein muss.

Thomas empfiehlt, das Impressum auf Facebookseiten im Info-Textfeld einpflegen. Impressumspflichten gelten auch für getabbte Apps. Wer absolute Sicherheit haben möchte, sollte sein Impressum im Info-Feld + und als eigenes App-Tab doppelt verwenden. 

Selbstverständlich gilt auch auf Google-Plus-Seiten Impressumspflicht! Laut Thomas kann man dafür nur das Intro-Feld auf dem "Über-mich"-Tab verwenden.

Das Website-Impressum wird zur Linkfarm

Alle Mitarbeiter-Accounts und Seiten des Unternehmens müssen im Impressum benannt werden, wenn sie die Firmen-Impressumsseite nutzen. Also alle Google+, Facebook- und Twitter-Accounts!

Social Media Monitoring: Es ist nicht erlaubt, Social-Media-Profile mit Kundendaten anzureichern. Die Daten müssen getrennt gespeichert werden. Ebenso ist die Vermischung von beruflichen mit privaten Daten nicht gestattet.

Das Tracking und Verwenden privater Beiträge von Mitarbeitern eines Unternehmens auf sozialen Plattformen ist grundsätzlich problematisch.

Kanban bei XING in nicht-technischen Projekten

Wie in unserer Session tauchten auch in der Kanban-Session von Heike Siemer und Leticia Sigarrostegui García die Kernaussagen aus dem Manifest für agile Softwareentwicklung auf: Wir schätzen ...

  • ... Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge
  • ... funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation
  • ... Zusammenarbeit mit dem Kunden mehr als Vertragsverhandlung
  • ... Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans

Ein gutes Beispiel, wofür sich Scrum nicht eignet: Wenn auf einen Shitstorm reagiert werden muss, geht das nur mit Kanban und nicht mit Scrum, wo man erst auf das Ende der laufenden Sprint-Iteration warten müsste, bevor man sich dem Thema widmen kann...

Von einem Teilnehmer bekam ich noch einen Tipp für ein Online-Kanban Tool. Das werde ich mir gern bei Gelegenheit noch einmal näher anschauen!

Twitter-Verbot während der Social-Media-Selbsthilfegruppe

Sascha Pfeifer hat eine Selbsthilfegruppe für Social Media angeboten. In dieser gut besuchten Session gab es eine Vertraulichkeitsvereinbarung darüber, dass keine gesprochenen Inhalte aufgezeichnet werden und nach draußen gelangen dürfen.

Ich werde mich an die Vereinbarung halten und nichts daüber schreiben. Außer dass es sehr spannend war, welche Zielkonflikte es in der Welt mancher Großkonzerne zwischen klassischem Marketing und "Wir wollen auch 2.0 sein" gibt und welche abstrusen Auswüchse das annehmen kann!

Das leidige Thema: die "No-Show-Rate"

Damit solche Events auch in Zukunft kostenlos bleiben können, sind alle Teilnehmer dringend aufgefordert, ihren Platz gegebenenfalls wieder freizugeben, sofern sie nicht mit dabei sein können.

Die "No-Show-Rate" ist leider auf jedem Camp ein Thema – viele Organisatoren gehen bei BarCamps als Schutz dagegen zu einer kleinen Teilnehergebühr über. Eigentlich widerspricht das dem BarCamp-Gedanken und ist auf jeden Fall schade!

In diesem Sinne empfehle ich allen, sich schon einmal das letzte Oktober-Wochenende 2013 freizuhalten. Wir sehen uns dann hoffentlich wieder in trauter Runde auf dem nächsten CommunityCamp!

Vielen herzlichen Dank an die Sponsoren und das Orga-Team. Ihr wart super!

Die Bilder wurden mit freundlicher Genehmigung von Christian Rasch und Torsten Maue zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Kommentare

Einfach mal vor... - 30. Oktober 2012 - 15:57
[...] Das fünfte Community-Camp: Scrum auf dem Berliner Wohlfühl-Camp – Ralf/Com-Press [...]
Rock’... - 29. Oktober 2012 - 18:20
[...] – DEM BarCamp für diese Berufsgruppen. Außerdem gab es Grund zum Feiern: Das “WohlfühlCamp” (wie Ralf Mr. Drupal Hendel schrieb) oder auch “Klassentreffen” genannte BarCamp [...]
CommunityCamp 2... - 29. Oktober 2012 - 17:45
[...] Das fünfte Community-Camp: Scrum auf dem Berliner Wohlfühl-Camp [...]
Ralf Zosel - 29. Oktober 2012 - 16:58
Vielen Dank für die schöne Zusammenfassung. Ich habe unsere Session auch bei uns im Blog aufgegriffen: http://www.e-consult.de/blog/agile-software-entwicklung-ccb/
Ein Barcamp &am... - 29. Oktober 2012 - 12:06
[...] Das fünfte Community-Camp: Scrum auf dem Berliner Wohlfühl-Camp Share this:TwitterFacebookGefällt mir:Gefällt mirSei der Erste dem dies gefällt. [...]