Ralf Hendel, Geschäftsführer
Drupal Enthusiast und Freizeit-Pianist.

Keativ-Samstage bei comm-press

Mein erstes "richtiges" Klavierkonzert bei comm-press

Kunden gegenüber erkläre ich zwar immer, dass wir keine Kreation machen. Wir sind ausschließlich ein technischer Dienstleister für Drupal.

Es ist aber nur der eine Teil der Wahrheit, dass wir keine Gestaltung anbieten. Der andere ist, dass wir in letzter Zeit Kreativ-Samstage bei uns veranstaltet haben und es sogar schon zwei Klavierkonzerte gegeben hat.

Im Februar des Jahres hatte ich mir nach zehnjähriger Klavierspiel-Abstinenz wieder einen Flügel gekauft. Seitdem steht er bei uns im Empfangsraum und ich bin regelmäßig jeden morgen zwischen acht und neun Uhr am Üben. Mitunter auch abends und häufig und gern auch noch am Wochenende.

Kreativ-Sessions in der Firma

Mit Tanja, einer befreundeten Künstlerin, - die auch unser Druplicon in Öl gemalt hat – treffen wir uns in unregelmäßigen Abständen zu Kreativ-Tagen in der Firma. Sie malt – ich übe Klavier – und hinterher raten wir gegenseitig, was es sein soll ;-)

Unsere Runde wächst: gelegentlich war auch schon meine Tochter Mia mit dabei. Seit sie vier ist erzählt sie uns, dass sie Kunstmalerin werden möchte, wenn sie eines Tages groß ist. Und gestern war erstmalig auch Martina, unsere Assistentin, zum Zeichnen mit dabei.

Raus aus dem Schattendasein und rein ins Licht der Wirklichkeit

Immer nur in seinem stillen Kämmerchen allein zu spielen hat etwas von einem Leben im Elfenbeinturm. Ohne Kontakt zur Außenwelt ist das ein wenig unwirklich.

In den eigenen Räumen und Phantasien kann ich mich leicht in größenwahnhafte Spähren versteigen. Dadurch fehlt es mir aber an Austausch, Feedback und Erdung mit der Wirklichkeit.

Vor unserer Weihnachtsfeier vor drei Wochen hatte ich mich insofern erstmals getraut und abe ein kleines Konzert in trauter Runde vor sechs Besuchern gegeben. Trotz der großen Aufregung und es hat mir viel Spaß gebracht.

Die Dialektik des Übens

Aufgrund meines "eigenwilligen" Naturells suche ich mir immer nur Stücke raus, die eigentlich zu schwer für mich sind. Das sind aber genau die Stücke, die mich so unglaublich begeistern und in ihren Bann ziehen können.

Wenn ich ein Stück einübe ist das ein Prozess, der sich über Wochen und Monate hin zieht. In diesen Zeiten begleitet mich die Musik praktisch ständig. Egal, ob ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, im Bett liege oder mich im Gespräch mit Kunden befinde, immer höre ich die Musik irgendwo im Hinterkopf spielen. Es ist wie ein Ohrwurm. Nur mit dem Unterschied, dass hier zusätzlich noch eine Entwicklung statt findet:

Während ich ein Stück lerne, entdecke ich ständig neue Nuancen. Abhängig vom Tempo, das anfangs natürlich noch sehr langsam ist, werden unterschiedliche Aspekte sichtbar. Es ist, wie wenn man sich unter dem Mikroskop eine Zelle anschaut und dabei die Vergrößerung langsam ändert: Neue Details beginnen scharf zu werden, verschwinden wieder und es anschließend werden andere Dinge erkennbar.

Wer Musik nur aus der Konserve hören kann, dem werden bestimmte Aspekte für immer verborgen bleiben. Das ist wohl der Grund, warum man die langen Phasen des Übens nicht nur aushalten kann sondern es sogar Spaß bringt, die Stücke einzustudieren.

Es ist ein unglaublich ausfüllendes Erlebnis, nachdem man die allererste Phase des Noten-Lernens überwunden hat und beispielsweise die Läufe aus Chopins zweitem Klavierkonzert – zwar extrem langsam aber immerhin einigermaßen richtig – spielen kann.

Die feindosierten Disharmonien, die im schnellen Spiel vollständig in Klang-Athmosphäre aufgehen und einzeln nicht mehr zu hören sind, sind sehr reizvoll!

Das Klavierspielen bringt mir zwar enormen Spaß, aber natürlich bin ich kein Pianist.

Es gelingt mir zwar durchaus, einzelne Passagen so spielen zu können, wie sie mir gefallen. Aber es ist ganz etwas anderes, diese Passagen zusammenhängend in einem Stück gut spielen zu können.

Wenn ich allein oder auch vor Publikum spiele, kommt es häufig vor, dass ich den Faden verliere oder ich mit einer Passage schlicht nicht zufrieden bin. Dann setze ich aus und beginne sie noch einmal neu.

Als Pianist auf einer Bühne würde man dafür ausgebuht werden. Wenn ich aber privat spiele, kann ich mir die Freiheit heraus nehmen. Dafür kann ich aber auch viel von meiner Begeisterung vermitteln, die ich bei den Stücken erlebe.

In der Praxis muss ein Pianist häufig Musik vortragen, die er gar nicht spielen möchte. Davon bin ich vollkommen frei!

Das erste offizielle Konzert

Nach dem "inoffiziellen" Auftritt in der kleinen Runde vor unserer Feier hatte ich mir für die Weihnachtszeit noch ein "richtiges" Konzert vorgenommen.

Ich hatte eine Menge Freunde, Kunden und Bekannte eingeladen und war sehr überrascht, dass am Samstag über 20 Personen gekommen sind, die mich hören wollten!

In den letzten beiden Wochen hatte ich mir ein Programm zurecht gelegt und mich intensiv darauf vorbereitet:

Als Vorspiel hatte ich eine kleine dreistimmige Fuge von Bach gewählt. Mit dem Stück bin ich quasi "urvertraut" und es passt gut zur Weihnachtszeit. Ich spiele es seit ich zwölf Jahre alt bin.

Chopin: Nocturne in C Moll, Op. 48, No. 1

Das zweite Stück war ein Nocturne von Chopin in C minor, Op. 48, No. 1. Das Stück habe ich neulich im Radio gehört. Ich war davon vollkommen angetan und hatte den Komponisten – obwohl ich viel von Chopin spiele – nicht erkannt!

Wieder zu Hause angekommen, habe ich mir gleich die Noten dazu bestellt, und – wieder in Firma angekommen – festgestellt, dass ich sie schon hatte ;-)

Es ist ein schönes Stück, das mit einem ruhigen und melancholischen ersten Teil beginnt. Dann folgt recht unerwartet ein leidenschaftlicher Mittelteil, bevor das Nocturne in einem wilden Galopp endet. Besonders reizvoll sind die 4-zu-3-Rhythmen des letzten Abschnitts, bei denen melodietragende Sechzehntel-Noten gegen eine Triolen-Begleitung der linken Hand konkurrieren.

Rachmaninoff: Prelude in G Moll - Op. 23 No. 5

Die Preludes von Rachmaninoff kannte ich schon lange von CDs. Ich liebe Rachmaninoff. Für mich gehörten Skriabin und Rachmaninoff bisher immer zu den Stücken, die man zwar toll finden, als Normalsterblicher aber niemals selbst spielen kann.

Vor fünf Jahren hatte ich ein einschneidendes Erlebnis, als ich meine Tochter aus dem Hort abgeholt habe und gehört habe, wie jemand nebenan in der Aula der Schule genau dieses Stück geübt hat. Wegen des langsameren Tempos konnte ich zum ersten Mal hören, dass das auch nur "irgendwelche Akkorde sind, die nacheinander abgespielt werden."

Ich habe dem Spiel bestimmt zehn Minuten von außen weiter zugehört und hätte vor Rührung fast geheult. Danach wollte ich mir auch wieder einen Flügel kaufen – was in unserer kleinen Wohnung mit drei Personen aber einfach nicht möglich ist.

Als ich mir fünf Jahre im Februar später dann doch noch meinen Flügel gekauft und bei comm-press aufgestellt hatte, waren das die ersten Noten, die ich mir bestellt hatte. Im dritten Übungsanlauf gelang es mir endlich, das Stück vollständig und auswendig spielen zu können.

Ein "Übungsanlauf" ist übrigens ein zweiphasiger Zyklus. Phase eins: ein Stück wie ein Derwisch zu üben und sich wochenlang darin hemmungslos zu verbeißen. Phase zwei: das Stück wieder auf die Seite zu legen, weil es einfach zu schwer ist.

Wer eine gelungene Interpretation des Preludes hören möchte, findet hier eine Einspielung mit Emil Gilels auf YouTube.

Skriabin: Etude Op. 8 No. 12 – "Pathétique"

Das Vorspielen dieser Etude von Alexander Skriabin vor Publikum war für mich eine Premiere, da ich das Stück erst seit kürzester Zeit spielen kann. Es ich ist ein unglaublich energisches Stück, das mir vor 25 Jahren erstmals auf einer CD von Wladimier Horowitz begegnet ist.

Bei diesem Stück habe ich endlos viele Anläufe hinter mir, bevor ich es vor einigen Wochen zum ersten Mals geschafft hatte, auswendig "durchzukommen".

Ein Stück auswendig spielen zu können ist für mich die notwendige Voraussetzung, um technisch und weiter am Ausdruck arbeiten zu können. Es setzt eine gewisse Flüssigkeit voraus, um einzelne Passagen schneller und häufiger üben und auf diese Weise auch Varianten darin ausprobieren zu können.

Zur Vorbereitung auf das Konzert hatte ich in der letzten Woche die linke Hand einzeln auswendig eingeübt um mehr Sicherheit hinein zu bekommen.

Auf dem Höhepunkt des Stückes kurz vor Schluss muss ich sehr aufpassen nicht völlig durch zu drehen: die linke und recht Hand übertreffen sich in Tempo und Lautstärke gegenseitig. Das Stück wird vollkommen orgiastisch, bevor es wieder beruhigt und still zu Ende geht.

Eine ungewöhnlich ruhige Darbietung von Skriabins Etude "Pathétique" findet sich hier, wobei ich leider nicht weiß, wer der Interpret ist.

Ich war sehr zufrieden, wie ich damit durchgekommen bin.

Chopin: Etude Op. 10 No. 1

Als Zugabe hatte ich mir von Chopin die erste Etude aus dem Zirkel Opus 10 herausgesucht.

Das Stück hatte ich vorher nicht mehr groß geübt, und das hat sich bei der Aufführung natürlich gerächt: damit bin ich ziemlich abgeschmiert.

Aber das hat nix gemacht. Ich war noch so erleichtert darüber, dass die schweren Stücke vorher so gut geklappt haben, dass ich das vermeintlich sichere Stück auf die leichte Schulter genommen habe.

Wer die Etude einmal ohne abschmieren hören möchte, findet auf eine Aufnahme mit Wladimir Ashkenazy, einem Pianisten und Dirigenten, den ich übrigens sehr schätze.

Zum Schluss hatte ich noch den ersten Satz aus Mozarts Sonate C-Dur KV 545 gespielt. Das Stück kennt bestimmt jeder. Ich spiele es einmal im Jahr. Ohne Üben können aber auch solche leichten Stücke nicht gelingen...

Ab sofort vormittags keine Kundentermine mehr

Das führt mir mein Problem lebhaft vor Augen: wenn ich Stück nicht permanent üben kann, fällt es sehr schnell wieder auseinander. Ich vergesse die Abfolge einzelner Passagen oder komme bei technisch anspruchsvollen Stellen aus der Übung.

Selbst ein so kleines Repertoire von drei vier Stücken verfügbar zu halten, bedeutet für mich eine erhebliche Kraftanstrengung an Üben. Für andere oder gar neue Stücke hatte ich in den letzten Wochen keine Gelegenheit mehr.

Mit einer Stunde üben am Tag sind mir hier schlicht Grenzen gesetzt. Vielleicht kann ich meine Jungs bei comm-press ja davon überzeugen, dass ich mein Pensum in Zukunft auf drei bis vier Stunden täglich erhöhen muss. Vormittags werden wir also erst mal keine Kunden-Termine mehr annehmen. Da wird Klavier geübt :-)

Erfreulich ist aber, dass die Phase zum Wiederaufbau eines Stückes von Mal zu Mal kürzer ist.

In meinem nächsten Leben werde ich Pianist

Es war toll, dass so viele Leute gekommen sind um mir zuzuhören.

Natürlich war ich wahnsinnig aufgeregt. Beim Spielen hat mich das zum Glück nicht beeinträchtigt.

Im Gegenteil – auch ohne Blickkontakt mit dem Publikum kann ich spüren, ob es mir gegenüber wohlwollend oder von meinen dilettierenden Versuchen genervt ist. Ich hatte eine sehr wohlwollende Zuhörerschaft :-)

Wenn ich mich verspielt habe, habe ich eben irgendwo wieder erneut begonnen und es hat mir nichts ausgemacht. In anderen Situationen könnte so etwas auch hochnotpeinlich sein. Hier war es das nicht!

Solche Konzerte würde ich in Zukunft gern wiederholen. Vielleicht finden sich ja auch noch andere, die ebenfalls Lust haben etwas aufzuführen. Oder wir kombinieren so etwas mit einer Vernissage von Tanjas Bildern oder Werken anderer Künstler.

Oder, oder, oder... Es gibt eine Menge Möglichkeiten.

Ich finde es aber toll, wenn die Firma nicht nur ein Ort ist, an den man gerne zum Arbeiten hingeht, sondern wenn dort auch ein Kristallisationspunkt für Kunst und Kreativität entsteht.

Vielen Dank an alle, die gestern mit dabei waren und bis zum nächsten Mal! Ich freue mich jetzt schon drauf!

Kommentare

Gast - 17. Dezember 2012 - 13:07
Hallo Ralf, schade, dass ich nicht dabei sein konnte - aber eines hast Du geschafft und zwar mir einen klassischen Vormittag bereitet;) Toll gespielt! VG Martin