Derzeit gibt es in der Drupal-Community eine breite Diskussion darüber, ob und wie die DrupalCon in Zukunft in Europa stattfinden soll. Tatsache ist, dass die DrupalCon während meines inzwischen fast zehnjährigen Ausflugs in die Drupal-Welt eine Selbstverständlichkeit für mich geworden ist, an der ich seit 2009 in Paris regelmäßig teilgenommen habe. Mit Ausnahme der DrupalCon Baltimore habe ich seit 2012 regelmäßig auch die nordamerikanischen Cons besucht. In einer Woche wird in Wien möglicherweise die letzte europäische DrupalCon stattfinden.

Blick auf den Zuschauerraum vor der Eröffnungs-Zeremonie der DrupalCon Barcelona im Jahr 2015
Blick auf den Zuschauerraum vor der Eröffnungs-Zeremonie der DrupalCon Barcelona im Jahr 2015

Warum das so ist – und wie alternative Marketing-Events diese Lücke in Europa werden möglicherweise füllen können – möchte ich in diesem Blogpost beschreiben.

Ausgangssituation

Seit der DrupalCon Amsterdam sind die Teilnehmerzahlen der europäischen Cons rückläufig. Im Schnitt haben seitdem jedes Jahr rund 14% weniger Besucher teilgenommen. Parallel dazu sind auch die Einnahmen durch Sponsoren rückläufig. Die Drupal Association hat die Cons seitdem finanziell zwischen 100.000 bis 200.000 EUR je Veranstaltung bezuschussen müssen.

Woran liegt es, dass die Einnahmen durch Sponsoren auf europäischen Cons seit der DrupalCon Amsterdam 2012 rückläufig sind?
Woran liegt es, dass die Einnahmen durch Sponsoren auf europäischen Cons seit der DrupalCon Amsterdam 2012 rückläufig sind?

Mitarbeiter_innen der Drupal Association haben daraufhin mit vielen Aktiven innerhalb der Community gesprochen und versucht, die Gründe für den Rückgang zu verstehen. Als Ergebnis müssen wir uns der Erkenntnis stellen, dass das Format offenbar nicht den Bedürfnisse der Teilnehmer entsprochen hat.

Eine umfangreiche Darlegung der Situation findet sich in einer Reihe von fünf Blog-Beiträgen, die Megan Sanicki als Vorsitzende der Drupal Association veröffentlicht hat: * DrupalCon Europe: Co-creating a sustainable and valuable event
* The problems we need to solve for financial sustainability
* The problem we need to solve to create unique value
* Results from a proposal based on community input
* A new path forward for DrupalCon Europe

Megan Sanicki, Vorsitzende der Drupal Association, bei der Eröffnung der DrupalCon 2015 Barcelona
Megan Sanicki, Vorsitzende der Drupal Association, bei der Eröffnung der DrupalCon 2015 Barcelona

Absage der Drupal Association?

Die ersten drei Blogposts stellen die Erkenntnisse dar, wie sich die Situation für die Drupal Association darstellt.

Nachdem im vierten Beitrag noch viele Änderungen vorgeschlagen wurden, die ich fast alle unterstützen würde, liest sich der letzte Beitrag jedoch klar als Absage der Association, Cons weiterhin in Europa veranstalten zu wollen.

Stattdessen schlägt Megan vor, das Format an lokale Communitys zu "lizenzieren", die die jeweils unterschiedlichen vorherrschenden Bedürfnisse ihrer Meinung nach besser einschätzen und bedienen können.

Lizenzierung soll übrigens als Garantie durch die Veranstalter verstanden werden, dass bestimmte Werte und Standards wie Offenheit und Diversität eingehalten werden. Es steht nirgends geschrieben, dass dafür Geld fließen muss. Ich halte es wichtig, darauf hinzuweisen um dem Missverständnis vorbeugen, die Association würde sich aus defizitären Events zurückziehen und gleichzeitig Geld von den Veranstaltern verlangen, die sie stattdessen durchführen.

Eine Entscheidung ist noch nicht getroffen. Es zeichnet sich jedoch ab, dass ab 2018 keine DrupalCons mehr in Europa stattfinden werden.
Eine Entscheidung ist noch nicht getroffen. Es zeichnet sich jedoch ab, dass ab 2018 keine DrupalCons mehr in Europa stattfinden werden.

Besonderheiten Europas

In den Beiträgen ist viel von den spezifisch europäischen Bedürfnissen die Rede. Hier liegt sicherlich der Schlüssel zum Verständnis. Im Folgenden möchte ich einige Besonderheit Europas herausgreifen und versuchen, diese in einen Zusammenhang zu stellen.

  • Europa ist die größte Werkbank Drupals
    Nahezu 45% der Entwickler stammen aus Europa. Aus dem aktuellen Blogpost "Who sponsors Drupal development? (2016-2017 edition)" von Dries Buytaert, der Begründer Drupals, lässt sich entnehmen, dass Europa die größte Werkbank Drupals darstellt.
  • Europa besitzt sehr viele unterschiedliche Kulturen
    Es gibt keinen gemeinsamen europäischen Markt. Europa ist ein Kontinent mit vielen unterschiedlichen Mentalitäten, Kulturen und Sprachen. Amerikanische Unternehmen haben es erfahrungsgemäß sehr schwer in Europa Fuß zu fassen. Das liegt nicht nur daran, dass "die Amerikaner" eine für uns gewöhnungsbedürftige Geschäftskultur mitbringen, sondern dass die verschiedenen regionalen Märkte individuell bearbeitet und angesprochen werden wollen. Ich habe mir sagen lassen, dass Acquia im Laufe der letzten Jahre einige schmerzhafte Erfahrungen gemacht hat bei dem Versuch ihre Produkte und Services in Europa zu vertreiben. Meines Erachtens sind es dieselben Erfahrungen, die die Drupal Association gemacht hat und die dazu führen, dass sie sich aus dem europäischen Markt zurückziehen möchte.
  • Die Selbstvermarktung Drupals war in Europa noch nie optimal
    Trotz der aktiven und erfolgreichen Communitys in Europa hat es Drupal bisher noch nie gut verstanden, sich selbst optimal zu vermarkten. Im Gegensatz zu Nordamerika fühlt sich Drupal in Europa immer noch unterbewertet an. Trotz der Anstrengungen der Drupal Association war die DrupalCon in Europa nie mehr als eine Entwickler-Konferenz: Zu europäischen DrupalCons kommen in aller Regel keine potentiellen Kunden. Für Agenturen und Sponsoren waren die Cons eher zur Akquisition neuer Mitarbeiter interessant.
  • Der Markt für Dienstleister für Agenturen ist Europa kleiner
    Bei meinen Besuchen auf nordamerikanischen Cons hatte ich den Eindruck, dass es mehr Anbieter gibt, die Dienste und Dienstleistungen – wie z.B. Monitoring- Entwicklungstool- oder Hosting-Anbieter – für Drupal Agenturen anbieten und die die Events sponsern.

In engem Kontakt zur Community versuchen die Mitarbeiter_innen der Drupal Association die spezifischen Bedürfnisse der europäischen Teilnehmer zu verstehen
In engem Kontakt zur Community versuchen die Mitarbeiter_innen der Drupal Association die spezifischen Bedürfnisse der europäischen Teilnehmer zu verstehen

Wie könnte eine alternative europäische DrupalCon aussehen?

Den Vorschlägen des vierten Beitrags kann ich mich nahezu uneingeschränkt anschließen. Die aus meiner Sicht entscheidenden Ansätze wären: * Ein schlankeres Event zu organisieren, das nur für Entwickler zugeschnitten ist. * In preiswertere Locations ausweichen. * Den Fokus stärker auf gemeinsame Sprints und weniger auf Sessions legen. * Weglassen sämtlicher Business-Tracks. * Kein Catering anbieten, um die Ticket-Preise günstig zu halten. * Sponsoren in das Event zu integrieren anstelle sie in der Ausstellungshalle "auszulagern".

Bis auf die Catering-Position finde ich alle Vorschläge überzeugend: Durch den Wegfall des Caterings wird das Event nur scheinbar günstiger. Schließlich müssen sich die Teilnehmer über den Tag hinweg verpflegen. Das am Ticket gesparte Geld werden sie außerhalb des Events wieder ausgeben: indem sie sich ihr Essen selbst besorgen müssen, verlieren sie kostbare Zeit ohne dadurch effektiv Geld zu sparen.

Die Begründung der Drupal Association, das Event in Europa nicht weiter fortzuführen

Das entscheidende Argument der Drupal Association gegen die Organisation dieser solcherart schlanken Cons bestand darin, dass sich die Kosten durch den Umzug in kleinere Veranstaltungsorte unter dem Strich eher noch erhöhen würden: Wenn anstelle von Kongress-Zentren vergleichsweise günstigere Hotels gebucht würden, müsste die Association in Hotels das erheblich teurere Catering in Anspruch nehmen und wäre nicht frei in der Wahl eines Anbieters.

Dieses Argument hat mich nicht überzeugt. Viele Universitäten bieten durchaus geeignete und günstige Räumlichkeiten an, in denen sich ein Event mit den oben genannten Vorgaben gut umsetzen ließe. Für das Catering ließen sich von der Location unabhängige Anbieter beauftragen, die sich preislich deutlich unterhalb der Hotel-Gastronomie bewegen sollten.

Nach dem Lesen des letzten Beitrags habe ich gemischte Gefühle empfunden. Wenn mit Drupal im nordamerikanischen Markt genügend Geld verdient werden kann und Europa die Werkbank Drupals darstellt, wäre es dann nicht eine gute Idee, die Contributions in Europa weiter zu fördern? Der finanzielle Verlust der europäischen Cons wäre dann ein Investment in die Entwicklung der Software. Außerdem ließe sich der Verlust durch die oben genannten Vorschläge mindestens minimieren wenn nicht sogar vollständig kompensieren.

Ich glaube jedoch, dass es tatsächlich gute Gründe gibt, die DrupalCon nicht weiter in Europa stattfinden zu lassen. Auch wenn mich diese Entscheidung vor dem Hintergrund vieler schöner Erlebnisse in der Vergangenheit mit sentimentalen Gefühlen zurücklässt.

Gute Gründe, in Europa keine DrupalCon mehr stattfinden zu lassen

Kehren wir noch einmal an den Ausgangspunkt zurück: Den Anstoß hat die Erkenntnis geliefert, dass die Con an den Bedürfnissen der Community vorbei geht:

  • Entwickler wünschen sich Sprints und den Austausch mit anderen Entwicklern. Technische Sessions werden von Entwicklern häufig als zu wenig attraktiv erlebt.
  • Potentielle Kunden nehmen die DrupalCon nicht als Möglichkeit wahr, sich über Drupal zu informieren und etwaige Dienstleister kennenzulernen. Zudem müssen sie entsprechend ihrer jeweiligen Regionen unterschiedlich angesprochen werden.

Entwickler besuchen DrupalCons vor allem wegen der Sprints und des Austauschs mit anderen Maintainern. Sessions richten sich vielfach an Einsteiger und gehen oft am Bedarf der Entwickler vorbei
Entwickler besuchen DrupalCons vor allem wegen der Sprints und des Austauschs mit anderen Maintainern. Sessions richten sich vielfach an Einsteiger und gehen oft am Bedarf der Entwickler vorbei

Dies spricht in der Tat dafür, beide Bedürfnisse zu trennen.

  • In Europa haben wir seit längerem gute Entwickler-Camps wie die Drupal Dev-Days oder Frontend United. Würden die oben aufgeführten Vorschläge umgesetzt, hätten wir ein weiteres Event, dass sich von diesen Camps – außer vielleicht der Dimension der Teilnehmerzahl – nicht unterscheiden würde. Dadurch – und indem es keine zu dazu konkurrierende DrupalCons mehr gibt –, werden diese möglicherweise so attraktiv, dass mehr Entwickler außerhalb Europas teilnehmen werden. In diesem Fall ließen sich die bestehenden Events erweitern.
  • Eine "Drupal Business Alliance" befindet sich derzeit in Gründung. Das Ziel dieser globalen Organisation besteht darin, Drupal-Agenturen zu vernetzen und mit Marketing-Materialen zu versorgen, um Drupal auf diese Weise zu fördern. Im Rahmen dieser Initiative fanden bereits von der Drupal Association unabhängige und Marketing-getriebene Veranstaltungen wie z.B. die "Drupal Business Days 2017 in Frankfurt" statt.
  • In einzelnen Ländern gibt es oder gründen sich gerade Agentur-getriebene lokale Organisationen, die sich um die Verbreitung von Drupal kümmern. In Deutschland gründen Agenturen derzeit unter dem Arbeitstitel "Stiftung Drupal" einen Verein, in dessen Kontext Anfang 2017 die Drupal Splash-Awards in Hamburg organisiert wurden.

Vernetzungstreffen der Sponsoren nach der DrupalCon Prag mit Fingerfood und Getränken
Vernetzungstreffen der Sponsoren nach der DrupalCon Prag mit Fingerfood und Getränken

Marketing ohne Drupal für Drupal

Im Rahmen solcher Initiativen lassen sich – an die jeweiligen lokalen Besonderheiten angepasste – unterschiedliche Events organisieren, auf denen potentiellen Kunden Lösungen vorgestellt werden.

Wenn sich Drupal weitere Marktanteile erschließen möchte, müssen Interessenten über Lösungen angesprochen werden. Dabei muss der Nutzen für den Kunden im Vordergrund stehen. Für Kunden ist es vollkommen unerheblich, ob und wie diese Ansätze technisch auf Drupal basieren.

Um diese neuen Zielgruppen zu erreichen, ist jedoch eine Menge an Vorarbeit erforderlich, die individuell an die Zielgruppen und lokalen Märkte angepasst sein muss. Diese Aufgabe wird uns die Drupal Association nicht abnehmen können.

Ich halte es für wichtig hierbei mit der Drupal Association in Kontakt zu bleiben. Selbst wenn sie sich von der Idee zur Durchführung der Cons in Europa verabschiedet haben sollte, wird sie uns mit Sicherheit weiterhin bei unseren Marketing-Aktivitäten unterstützen.

Wenn sie sich neue Zielgruppen erschließen wollen, müssen sich Drupal-Agenturen mit Lösungen und ohne Bezug auf Drupal vermarkten
Wenn sie sich neue Zielgruppen erschließen wollen, müssen sich Drupal-Agenturen mit Lösungen und ohne Bezug auf Drupal vermarkten

Abschied von den europäischen DrupalCons

Offiziell ist bisher noch keine Entscheidung über eine generelle Absage gefallen. Bisher hat die Drupal Association lediglich die Durchführung im Jahr 2018 abgesagt und die Community zur Diskussion darüber an folgenden Terminen eingeladen:

Obwohl ich mich fast nur an angenehme Erlebnisses von den Cons erinnere, hat mir ein Rückblick auf meinen Bericht von der DrupalCon Kopenhagen aus dem Jahr 2010 übrigens vor Augen geführt, dass wir es als Community schon damals mit den mehr oder weniger gleichen Herausforderungen zu tun hatten wie heute. Nur dass für uns Neulinge damals alles noch viel aufregender war.

Die Leidtragenden einer Absage europäischer Cons wären nicht die Agenturen selbst sondern die Anbieter von Dienstleistungen für Agenturen, die nicht mehr ein zentrales Event allein besuchen bräuchten um dort alle potentiellen Kunden an einem Ort versammelt vorzufinden.

Die nächste DrupalCon in Nordamerika wird übrigens in Nashville stattfinden.