Publisher Business Conference 2018 Hamburg

Im Westen nichts Neues . Die Publisher Business Conference Hamburg 2018

von Ralf Hendel
am

Am 14. Juni 2018 findet im Schmidts Tivoli
auf dem Spielbudenplatz in Hamburg die Publisher Business Conference statt: ein Event rund um digitale Erlösmodelle von Verlagen, mit denen sie sich der Übermacht großen Plattformen Apple, Google, Facebook und Amazon erwehren wollen.

Die eintätige Konferenz wird von Tisoomi organisiert, die im März diesen Jahres bereits das AdBlocker Summit ausgerichtet hatten. Tisoomi bietet Publishern die Möglichkeit, Werbung auch dann an Besucher auszuliefern, wenn diese Adblocker verwenden.

Das Programm findet in zwei parallelen Slots statt. Es sind prominente Teilnehmer_innen aus großen Verlagen und Gründer_innen kleinerer Startups eingeladen, die in eng getakteten Sessions in Panels miteinander diskutieren, interviewt werden oder Präsentationen halten.

Ich verbringe den gesamten Tag im großen Saal mit der Bühne 1.

Sobald die Zeit einer Session abläuft, wird Hells Bells von AC/CD eingespielt, sodass der enge Zeitplan bis zum Schluss ohne Verzögerung durchgehalten wird.

Kai Diekmann im Gespräch mit Sven Böll auf der Publisher Business Conference Hamburg 2018
Kai Diekmann – Ex-Chefredakteur und Herausgeber der BILD – schlägt vor, die Algorithmen von Google und Facebook wegen Suchtgefahr offen zu legen und zu kontrollieren.

Im Gespräch mit Sven Böll: Qualitätsjournalismus, digitales Wachstum und neue publizistische Geschäftsmodelle.

Kai Diekmann – der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber der BILD – wird durch Sven Böll – dem Leiter des Hauptstadtstudios der WirtschaftsWoche – zu den Themen Qualitätsjournalismus, digitales Wachstum und neue publizistische Geschäftsmodelle interviewt. Kritischen Fragen betr. der Qualität des Journalismus der BILD weicht er geschickt aus.

Geschäftsmodelle für Verlage sieht Kai Diekmann vor allem im Bereich e-Gaming und Gewinnspiele.

Bemerkenswert finde ich seine Forderung, die Algorithmen von Google und Facebook wegen Suchtgefahr zu kontrollieren. Als Vergleich führt er die Tabakindustrie an, die süchtig machende Produkte nicht mehr bewerben darf. Joghurt-Hersteller müssen auf der Verpackung akribisch sämtliche Inhaltsstoffe aufführen.

Die Algorithmen von Google und Facebook seien darauf ausgelegt, die Nutzer möglichst lange auf der Seite zu binden, indem sie sie gezielt süchtig machen.

Die Bedeutung von Publisher-Brands im heutigen Umfeld

Ein interessantes Beispiel von Big Data präsentiert Michael Trautmann. Er ist ehemaliger Mitbegründer der Agentur KemperTrautmann und sitzt heute im Vorstand der Agentur thjnk.

Eine Auswertung der Tweets von Frauen, die mit ihrem eigenen Aussehen unzufrieden sind, hat ergeben, dass sich diese negativen Äußerungen zu genau einem Anlass im Jahr häufen: dem Datum der Oskar-Verleihung.

Unter dem Hashtag #SpeakBeautiful hat Dove eine Kampagne gestartet um den betroffenen Frauen durch positive Antworten Selbstvertrauen zu geben.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Kampagne uneingeschränkt bewundern kann: die Antworten werden vermutlich von Algorithmen gepostet und mit der Aktion soll schließlich Aufmerksamkeit für Dove-Produkte generiert werden. Jedoch finde ich es beeindruckend, welche Muster sich aus hinreichend großen Mengen an Daten herauslesen lassen.

Content-Sharing als Überlebensstrategie auf der Publisher Business Conference Hamburg 2018
Die Furcht vor den "Haien" – den großen Plattformen Apple, Google, Facebook und Amazon – lässt Verlage über Online-Kooperationen nachdenken.

More reach more cash - Wie Kölner Express und Focus Allianzen der Zukunft schmieden

Dr. Tanja zu Waldeck – COO von Burda Forward – und Thomas Kemmerer – General Manager beim Kölner Express – haben das Content-Sharing (wieder-) entdeckt, um sich aus der Abhängigkeit von Google und Facebook zu befreien.

Durch Content-Zweitvermarktung profitieren kleinere Redaktionen von der enormen Reichweite eines FOCUS Online. FOCUS erhält im Gegenzug die Möglichkeit, relevante Inhalte in kleineren Lokal-Magazinen ein weiteres Mal ausspielen zu können. Durch Wiederverwertung werden redaktionelle Aufwände eingespart.

Befremdlich finde ich jedoch den überstrapaziert lässigen Stil von Thomas Kemmerer – der Junior-Player in der Kollaboration –, der seinen Partner FOCUS Online – vertreten durch seine Sprecher-Kollegin Dr. Tanja zu Waldeck – wiederholt als "Lidl" der Online-Magazine bezeichnet.

Zweitverwertung von Content ist nichts Neues. Dies als Lösung zu präsentieren um sich von den großen Gate-Keepern unabhängig zu machen, scheint mir eher ein Hinweis darauf, dass den Verlagen bisher noch keine überzeugende Strategie eingefallen ist.

Auch wenn es bis dahin noch ein weiter Weg ist, schießt mir während der Präsentation der Gedanke an Gleichschaltung der Presse durch den Kopf, wenn auf verschiedenen Portalen der selbe Content ausgespielt wird.

Foto vom Gatekeeper Panel auf der Publisher Business Conference Hamburg 2018
Das Dilemma der Verlage, sich aus Abhängigkeiten der großen Plattformen zu befreiten: bestehende Abhängigkeiten werden durch neue ersetzt.

Panel: Losing the Gatekeepers - Wie gehen Publisher am besten mit Google und Facebook um?

Katharina Schneider, die Redakteurin der Huffington Post diskutiert mit Pit Gottschalk, einem Sportjournalisten der FUNKE, Pia Frey, Mitbegründerin von Opinary, Ilhan Zengin, Founder & CEO von ShowHeroes, Laura Schwarz, der Senior Account Executive von Adobe System Inc. sowie Marc Flamme, dem Geschäftsführer von gofeminin.de.

Als Kernaussage nehme ich aus der Diskussion mit, dass Abhängigkeiten von Google und Facebook aufgelöst werden, indem Magazine stattdessen auf andere Kanäle setzen, wie z.B. auf Pinterest im Fall von gofeminin.com. Bestehende Abhängigkeiten werden also nicht aufgelöst sondern durch andere Abhängigkeiten ersetzt.

What would Google do? - Was Google mit einem Zeitungsverlag machen würde

Anstelle disruptiver oder innovativer Ideen offenbaren die bisherigen Vorträge aus meiner Sicht vor allem einen eklatanten Mangel tragfähiger Erlösmodelle für die Verlagsbranche.

Möglicherweise ist das ein Grund dafür, warum Google im Rahmen seiner Digital News Initiative einen Fond mit einem enormen Budget bereitgestellt hat, wie Holm Münstermann, Head of News and Broadcast Google, in seinem Vortrag vorstellt.

Die Bewerbungsphase des Fonds ist inzwischen geschlossen. Im Rahmen der Initiative fördert Google die Entwicklung innovativer Ideen mit beachtlichen 94 Mio US$, die sich 461 Unternehmen teilen: Jeder teilnehme Publisher erhält im Schnitt stattliche 100.000 US$.

Gerade angesichts der überschaubaren Konzepte, die auf dieser Konferenz vorgestellt wurden, dürfen wir auf die Ergebnisse dieses Think-Tanks gespannt sein!