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fbcamp in Hamburg . Feintuning von Sprache, der Facebook Edgerank und kein "aber" auf dem fbcamp in Hamburg

von Ralf Hendel
am

Am Freitag und Samstag fand in Hamburg das zweite Facebook Camp statt.

Wie letztes Jahr auch fand das Camp wieder im Attraktor statt. Erfreulicherweise ist die Technikerschule und Berufsfachschule als Raumsponsor eingesprungen und hat zusätzlich fünf große Seminarräume zur Verfügung gestellt.

Da mich Thema gerade sehr interessiert, bin ich in der naiven Erwartung angereist, am Wochenende würden sich alle Sessions nur um die interne Mechanik des Facebook Edgeranks drehen und was sich mit Apps so alles ermöglichen lässt.

Wie bei jedem Barcamp waren die Themen auch hier eher breit gemischt – nur weitestgehend drehten sie sich als Themen-Barcamp um Facebook.

Engagement um jeden Preis?

Die Themen Monitoring und Tracking waren stark vertreten. Meiner Beobachtung nach werden derzeit eine Menge Tools zum Thema Facebook-Tracking entwickelt und angeboten.

Wie formuliere ich meine Postings und wann setze ich sie ab, damit sie größtmögliche Interaktionen auslösen?

Die Frage erinnert mich an die SEO-um-jeden-Preis-Diskussionen der letzten Jahre.

Richtig ist sicherlich, dass Postings gleichen Inhalts entsprechend Ihrer Ansprache und dem Zeitpunkt Ihrer Veröffentlichung sehr unterschiedliche Reichweiten haben können. Es ist hilfreich und gut das zu wissen und das mit berücksichtigen zu können.

Engagement um jeden Preis scheint mit jedoch stark übertrieben – zumindest solange ich kein Contentportal betreibe und mit PIs Geld verdiene. Für ein kleines Tecki-Nerd-Unternehmen wie wir es sind, zählt aus meiner Sicht nur Content der entweder interessiert oder es sein lässt. Mit Hilfe von "Wir-wünschen-Euch-ein-schönes-Wochenende-" oder "Findet-Ihr-auch-dass-Drupal-ein-tolles-CMS-ist?"-Postings Likes und Interaktionen einzusammeln, um zukünftige Postings besser auf der Welle des gestiegenden Facebook-Edgeranks mitsurfen zu lassen, scheint mir zumindest für unsere eigene Facebook-Seite reichlich übertrieben zu sein.

Das Monitoring Tool "Fanpage Karma"

Interessant fand ich die Produkt-Vorführung von Fanpage Karma, ansonsten habe ich die Marketing-Sessions für Produkte eher versucht zu vermeiden. Zum Glück gab es davon auch gar nicht so viele. Statt dessen gab es jede Menge inspirierende Themen-Angebote, wie sich das für ein gutes Barcamp schließlich auch gehört.

Mich hat enorm überrascht, dass auf unserer eigenen comm-press Fanpage "Drupal" der am häufigsten verwendete und gleichzeitig der am schwächsten interaktionsstiftende Begriff ist. Ebenso ist comm-press.de die am häufigsten verlinkte und am wenigsten geklickte Domain. Demzufolge erwarten unsere Nutzer andere Inhalte als wir dort veröffentlichen.

Auf einige Sessions, die mir besonders gut gefallen haben, möchte ich hier noch näher eingehen.

Möglichkeiten (und Schmerzen) von Facebook Apps.

Die reichhaltigen Informationen von Rezar Behzad haben mir einen guten Überblick über die Möglichkeiten, was sich mit der Facebook API so alles machen lässt. Rezar hat ein eigenes PHP for Facebook Framework mit Methoden veröffentlicht, welche die Zugriffe auf die API erheblich erleichtern und Zeit bei der Entwicklung sparen.

Die umfangreichen Inhalte kann ich im Folgenden nur stichwortartig wiedergeben:

  • In der Facebook-API bestehen es eine Menge konzeptioneller Fehler, die Anwendungen abfangen und ausbaden müssen.
  • Facebook Anwendungen laufen auf eigenen Servern und können in beliebiger Sprache entwickelt sein.
  • Sollte Facebook eine Anwendung sperren bleiben die Daten erhalten, da sie auf eigener Umgebung gehostet sind. Man kann die Anwendung somit unter neuem Namen erneut veröffentlichen.

    Kommentar von mir dazu an dieser Stelle: vor diesem Hintergrund sollte man sich gründlich überlegen, welchen Apps man welche Zugriffe auf seine persönlichen Daten gewährt. Wir wissen nichts darüber, wie der Anbieter die Daten schützt und was er mit ihnen anstellt.
  • Apps brauchen bei Facebook nicht freigeschaltet bzw. genehmigt werden. Erst bei Kundenbeschwerden oder Spam-Hinweisen sperrt Facebook in der Regel eine App.
  • Eine Anwendung integriert sich als iFrame in FB und sieht aus wie FB.
  • Anwendungen können Facebook durchsuchen. Damit lassen sich z.B. Personen finden, die ihr Profil nicht online gestellt hat. Allerdings funktioniert die Suche nur innerhalb veröffentlichter Daten auf die Google beispielsweise ebenfalls Zugriff hat. Eine Suche nach E-Mail Adressen ist nicht möglich. br>Amazon nutzt dieses Feature z.B. für Produkt-Empfehlungen.
  • Es existieren derzeit ca. 30 verschiedene Rechte für Apps. Facebook unterscheidet dabei zwischen Basis- und erweiterten Rechten.
  • Basis-Rechte enthalten nicht die Kenntnis der E-Mail Adresse, aber z.B. die Freundesliste. z.B. Religion abfragen oder erweitertes Recht.
  • Da die meisten User wie Schafe auf "erlauben" klicken, erlaubt Facebook inzwischen nicht mehr eine gemeinsame Abfrage von Basis- und erweiterten Rechten. Dennoch ist die Abbruchquote bei Rechteerlaubnis-Abfragen relativ gering. Hinweis: In einer anderen Session war davon die Rede, dass rund 50% der User vor Erteilung einer Freigabe abspringen. Insgesamt überwiegt dennoch der virale Mehrwert derer, die bleiben.
  • Tipp: Vor einer Rechteabfrage sollte eine Anwendung zunächst erst mal zeigen, was sie zu bieten hat. Das schafft Vertrauen. Innerhalb der Rechteabfrage lassen sich auf Erklärungsseiten verlinken. Erfahrungsgemäß wird aber kaum darauf geklickt.
  • Wann immer Basisrechte abgefragt werden müssen, ist deren Zustimmung voraussetzend für die Nutzung einer App. Die erweiterten Rechte lassen jedoch optional einsetzen: der User kann eine App auch ohne deren Freigabe installieren und verwenden.
  • Bei der Fanpage Karma-Anwendung habe ich übrigens beobachtet, dass sich auch der Zugriff auf Facebook-Insights Daten als Recht an Applikationen "veräußern" lässt. Aus Neugierde und als treues Schaf habe ich das natürlich gleich ausprobiert...
  • Anwendungen können in Google getrackt werden. Direkte Zugriffe über Google werden von Facebook Insights nicht mit erfasst.
  • Apps können nicht nur an die Pinwand posten sondern auch Benachrichtigungen und App-Requests für den User generieren.
  • Diese Aktionen lassen sich über Cron steuern (offline-access). Im Hintergrund lassen sich die Tokens sogar ohne Zustimmung des Nutzers von zwei Stunden auf drei Monate erhöhen. Allerdings funktioniert das nur so lange, wie der User sein Passwort nicht ändert.
  • Interssanterweise "weiß" eine Page-App nicht, welcher User sie verwendet. Sie weiß aber, von welcher Seite er kommt und ob er Admin dieser Seite ist. Entsprechend dieser Eigenschaften kann sie dem Nutzer andere Inhalte oder Dialoge anbieten.

Mein Überraschungs-Hit: "Feintuning schriftlicher Ausdruck und Sprache"

Christian Stachowitz hat seine Session wiederholt, die er kürzlich auch auf der Social-Media-Week gehalten hat.

Seine Session hat zwar nur im allerweitesten Sinne mit Facebook zu tun, war für mich aber die pure Freude und absolute Außenseiter-Überraschung.

Christian hat Basics vorgestellt und scheinbar selbstverständliche Dinge rund um Sprache aufgegriffen. Natürlich kann jeder sprechen, aber dabei machen wir vieles ohne uns darüber bewusst zu sein.

Er hat uns sensibilisert, dass Sprache eine Oberflächen- und Tiefenstruktur besitzt und wie Sprache Mensche trennen oder verbinden kann.

Bedeutung entsteht in der Tiefenstruktur und führt dazu, dass Aussagen immer nur im individuellen Kontext des Empfängers verstanden werden können. Demzufolge kann es kein richtiges oder falsches Verstehen geben. Bei der Wahl meiner Worte muss ich versuchen, diese Spielräume zu berücksichtigen.

Sätze wie "Du hast mich falsch verstanden" sind also erstens unzutreffend und reizen den anderen zweitens, da er seiner legitimen Deutungsansätze beraubt wird. Statt dessen ist es besser bei sich selbst zu bleiben und z.B. einfach klar zu stellen "Das habe ich so nicht gemeint".

Am schlechtesten ist aber das "Aber"

Ein "aber" negiert alles andere, das vorher gesagt wurde. Wenn ich als Chef sage, "Du hast alles gut gemacht, aber ..." sage ich in Wirklichkeit, dass ALLES NICHT GUT war. Sehr eindrucksvoll!

Viel besser ist es anstelle von "aber" besser "und" zu verwenden. Damit bleibt die Bedeutung des vorher gesagten erhalten UND es gibt die Möglichkeit für Anregungen, Verbesserungsvorschläge etc.

Bei schwierigen Themen empfiehlt er unbedingt den persönlichen oder zumindest jedoch den telefonischen Kontakt. Im Schriftlichen gibt es keine Stimme und keine Körpersprache. Anstelle einer ausufernden und zunehmend gereizten Mail-Korrespondenz lassen sich Konflikte persönlich nicht nur besser sondern sogar sehr viel schneller lösen.

Die Slides zu seiner Session finden sich hier zum Download. Aber man sollte ihn live erleben. Christians Art zu sprechen ist sehr freundlich, anschaulich und dabei gleichzeitig auch sehr direkt und fokussiert.

Es war die pure Freude für mich ihm zu zuhören. Chrstian spricht sehr bewusst: nur ein einziges Mal konnte ich ihn in einer anderen Session "erwischen", wie er "aber" verwendet hat. Und dafür musste ich aufpassen wie ein Luchs.

Er twittert unter @stachoblog. Ich hoffe, ihn auch für unsere Drupal Usergroup mit einer Session gewinnen zu können. Für unser nächstes Treffen am 11.03. habe ich ihn schon mal als Besucher eingeladen.

Was ich schon immer über den Facebook Edgerank wissen wollte...

... bekam ich am Samstag nachmittag erläutert.

  • Der Edgerank ist nicht für Firmen, die sich darstellen wollen, sodern für Nutzer optimiert um die Qualität der Beiträge innerhalb ihrer Timeline zu erhöhen.
  • Facebook unterscheidet zwischen "objects", den Postings, und "edges", den Interaktionen.
  • Es ist wichtig zu verstehen, dass weder Fanpages noch Postings einen Edgerank besitzen. Der Edgerank eines Postings wird individuell in Bezug für einen bestimmten Nutzer errechnet! Die Beziehung ist der "Edge": wie relevant ist ein bestimmtes Posting für einen ganz bestimmten Fan?
  • Die drei wesentlichen Faktoren zur Berechnung des Edgeranks sind Affinität, Gewichtigung (Weight) und Decay.
  • Die Affinität bzw. Relevanz schlägt sich beispielsweise in der Anzahl der Interaktionen des Nutzers mit der Seite sowie der thematische Beziehung des Users zum Posting nieder.
  • Weight ist die Art und Weise der Interaktionen: Kommentare werden gewichtiger gezählt als Likes.
  • Decay ist die eingebaute Verfallsdauer von Objekten. Aktuellere Objekte gelten selbstverständlich als interessanter.

Ich finde es wichtig zu wissen, dass der Edgerank eines aktuellen Postings – zumindest was sein "Weight" betrifft – zum Zeitpunkt der Erstellung aufgrund von Vorhersagen aus älteren Postings errechnet wird! Insofern kann Facebook sich hier gravierend täuschen. Ein eigentlich ultimativ interessanter Beitrag kann stark ausgefiltert werden, wenn er auf ein paar Langweiler folgt. Um diesen Effekt aufzufangen steuert Facebook gegen, wenn nach kurzer Zeit Interaktionen auf ein Posting stattgefunden haben.

Hier gibt es die Empfehlung vor wichtigen Veröffentlichungen erst noch ein paar Postings für gute Interaktionswerte abzusetzen. Das setzt allerdings mittelfristige Content-Planung voraus und scheint mir zumindest für unsere eigenen Belange recht übertrieben zu sein.

Diskussionen, wie weit sich der Edgerank mit gefakten Accounts erhöhen lässt, halte ich eher für irreführend. Ich denke, dass Facebook über kurz oder lang so intelligent sein wird, dass sich mit gefakten Accounts der Edgerank auch nur für gefakte Accounts erhöhen lässt. Aber wenn man damit seinen Vorgesetzten beeindrucken kann - sei's drum... Unser Kerngeschäft wird das bestimmt nicht werden.

Warum der Edgerank bei mobilen und Desktop-Zugriffen jedoch unterschiedlich errechnet wird, konnte niemand genau beantworten. Möglicherwiese spielt der geolokale Bezug eine Rolle. Genau so gut wäre es möglich, dass Facebook hierfür keine Policies besitzt und irgendwelche Entwickler irgendwelche Features "raushauen". Die Inkonsistenz der APIs und die Unbeständigkeit vieler Features deutet durchaus darauf hin, dass diese Annahme nicht aus der Luft gegriffen ist.

Eine guten guten Beitrag zum Facebook Edgerank habe ich im Blog von Sparkloft gefunden.

Die Barcamper Selbsthilfewerkstatt

Es gab auch eine sehr persönliche und berührende Session von Silke Schippmann zum Thema informationeller Reizüberflutung und Burnout. Die Session war von Offenheit, Vertrauen und Respekt getragen. Das Thema Stress am Arbeitsplatz ist für viele ein Thema. Gerade weil wir in Bereichen operieren, die uns interessieren und Spaß machen ist die Gefahr von (Selbst-)Ausbeutung sehr groß.

Ich war sehr beeindruckt, was für eine persönliche und vertrauensvolle Stimmung sich auf Barcamps herstellen lässt, auf denen sich die Teilnehmer nur begrenzt gegenseitig kennen.

Vielen Dank an alle, die dieses tolle Event ermöglicht haben!

Auf dem Camp habe ich sehr viele interessante Menschen kennen gelernt und jede Menge neuer Impulse mit genommen.

Danke an Silke und Christian, die Ihr das Event phantastisch organisiert habt! Die ganze Zeit über hatten wir ein sehr robustes WLAN. In der Feedbackrunde gab es wenig Verbesserungsvorschläge, aber jede Menge Lob und keinerlei Gemecker.

Danke an Meyers Partyservice, die Ihr uns phantastisch und sehr aufmerksam becatert habt!

Und danke an die Sponsoren und Teilnehmer. Besondern Dank natürlich an die Rothaus Tannenzäpfle Brauerei, dass Ihr an mich gedacht habt: Es gab alkoholfreies Pils!

Vielleicht habt Ihr ja Lust, das Drupal-Camping zu unterstützen? Ich werde demnächst gern bei Euch nachfragen!