Auch in diesem Jahr ist die DrupalCon wieder viel zu schnell zu Ende gegangen. Die fünf Tage voller Summits, Session-Programm und Sprints sind wie im Flug vorbei gegangen. In Wien habe ich nur zwei Sessions besucht. Stattdessen habe ich an verschiedenen BOFs zu Community- und Marketing-Themen teilgenommen und mich mit Vertretern der Drupal Association ("DA"), der Community Working Group sowie vielen Entwicklern und Geschäftsführern aus Europa und Übersee über unsere Wünsche, Ziele und Erwartungen ausgetauscht.

Nun sitze ich bereits wieder im Flieger nach Hamburg und versuche meine Eindrücke der letzten Tage zu sortieren.

Der Zustand von Drupal im September 2017

Die allgemeine Stimmung scheint mir weitestgehend entspannt zu sein. Das große Drupaldrama vom Frühjahr scheint abgeklungen zu sein und es gibt derzeit keinen Stress, dass ein Hauptversionsstand gelauncht werden muss. Drupal 8 ist inzwischen so weit gereift, dass es Drupal 7 übertroffen hat. Praktisch alle wichtigen Module sind mittlerweile für Drupal 8 verfügbar. Die Zahl der Agenturen, die ausschließlich Drupal 8 einsetzt ist dreimal größer als die Zahl der Agenturen, die ausschließlich noch auf Drupal 7 setzt.

Im Umkehrschluss bedeutet das leider auch, dass Drupal 8 mehr oder weniger vor dem Höhepunkt seiner Entwicklung steht. Danach wird es erfahrungsgemäß wieder langsam bergab gehen und wir brauchen neue Impulse für dias nächste Release, welches uns dann wiederum noch mehr Perspektive und Marktanteil ermöglichen soll. So war es zumindest stets bisher in der Geschichte Drupals. In seiner Driesnote hat Dries erklärt, dass er Drupal in den kommenden Jahren als führendes Headless-CMS sieht.

Technologien wie GraphQL werden immer populärer. Mittlerweile gibt es sogar Ansätze, das Frontend des Backends headless zu bauen.

Die grundsätzliche Entspanntheit lässt sich meines Erachtens auch daran ablesen, dass es keine wirklich dramatischen Themen gibt und das Ausbleiben der DrupalCon im Jahr 2018 in Europa das alles dominierende Thema dargestellt hat.

Die alternative europäische DrupalCon

Man musste auf der Closing-Session schon sehr genau hinhören, um aus Megans Satz "Es wird im nächsten Jahr etwas geben, das von der Community organisiert wird." die Ankündigung für eine DrupalCon herauszulesen. Es wird also ein große Veranstaltung – eine Art alternative europäischer DrupalCon – stattfinden, die jedoch weder so heißen noch so sein wird, wie wir die Cons bisher gekannt haben.

Das während der Abschlussveranstaltung eingeblendete Foto zeigt die Preisverleihung der Splash-Awards aus dem März in Hamburg
Das während der Abschlussveranstaltung eingeblendete Foto zeigt die Preisverleihung der Splash-Awards aus dem März in Hamburg

Offenbar war das ein guter Kompromiss für alle: Es wurde ein Community-getriebenes Was-Auch-Immer angekündigt, ohne dass sich die Drupal auf Grundlage wackeliger Konzepte zu weit aus dem Fenster gelehnt hat. Angesichts schwindender Teilnehmerzahlen – in Wien gab es noch 1.670 Teilnehmer –, reduzierter Manpower seitens der Drupal Association und gekürzter Budgets ergäbe ein "Weiter so" auch keinen Sinn.

Mit der DA wurde vereinbart, dass sich das Event finanziell selbst tragen muss. Diese Veranstaltung wird voraussichtlich "Drupaleurope" heißen und und unter der Domain drupal.eu gehostet werden. Das Event wird als MVP organisiert, bei dem sich die Kosten ungünstigstenfalls allein aus den Ticketpreisen refinanzieren ließen. Räume und WLAN müssen vorhanden sein. Alles andere – Social Events, Scholarships etc. können optional draufgesattelt werden, wenn die Budgets es hergeben.

Es gibt bereits konkrete Verhandlung mit einem Anbieter eines Veranstaltungsorts, der Platz für bis zu 1.500 Teilnehmer bieten wird bei lediglich einem Achtel der bisherigen Raumkosten.

Unmittelbar nach der Closing-Ceremony gab es bereits ein erstes Treffen der Organisatoren, in dem die Aufgaben und Rollen definiert wurden.

The "hateful eight"

Zur Organisation der zukünftigen DrupalCons hatte Megan vor knapp zwei Wochen eine Reihe von Mitgliedern angeschrieben und um Unterstützung gebeten. Ursprünglich suchte sie vier bis fünf Mitglieder, die sie bei der konzeptionellen Neuausrichtung der DrupalCon unterstützen sollen.

Auf der Abschlussveranstaltung hat Megan die Teilnehmer des Berater-Gremiums zur Ausarbeitung der zukünftigen DrupalCons in Europa präsentiert
Auf der Abschlussveranstaltung hat Megan die Teilnehmer des Berater-Gremiums zur Ausarbeitung der zukünftigen DrupalCons in Europa präsentiert

Aufgrund der vielen Angebote hat sie sich jedoch entschieden, den Kreis auf acht Mitglieder auszuweiten. Alle acht sind langjährige und aktive Mitglieder der Europäischen Community:

Unter den Mitgliedern befinden sich auch einige, die sich in der Vergangenheit durchaus kritisch zur Arbeit der Association geäußert haben. In den BOFs wurde diese Runde scherzhaft als die "hateful Eight" bezeichnet. Wir können also beruhigt davon ausgehen, dass spezifisch europäische Interessen in diesem Beraterkreis vertreten sein werden.

Am Ende wirkten alle Seiten recht zufrieden. Wir müssen uns jedoch im Klaren sein, dass DrupalEurope keine Marketing-Veranstaltung sein wird: Diese Veranstaltung wird sich an Entwickler richten. Einsteigern und fortgeschrittenen Entwicklern werden Sessions und Trainings angeboten. Ein Marketing-Track bzw. die Ausrichtung des Events als Attraktion für interessierte potentielle Neukunden ist derzeit ausdrücklich nicht vorgesehen.

Marketing needed for Drupal

Für größere und mittlere Agenturen wird sich die Aufgabe stellen, weitere Marktanteile für Drupal zu erschließen. Drupal besitzt inzwischen die Reife für den Wettbewerb mit großen Systemen wie Sitecore oder dem Adobe "Experience Manager" (früher Adobe CQ5). Im Gegensatz zu Drupal verfügen diese proprietären Systeme jedoch über gigantische Marketing-Budgets. Um dagegen bestehen zu können, ist es wichtig unsere Kräfte auf den unterschiedlichen Ebenen zu bündeln.

Andere Systeme entwickeln sich ebenfalls weiter. Wir müssen am Ball bleiben, damit Drupal nicht eines Tages wirklich die Luft ausgeht.
Andere Systeme entwickeln sich ebenfalls weiter. Wir müssen am Ball bleiben, damit Drupal nicht eines Tages wirklich die Luft ausgeht.

Hierzu gibt es bereis vielversprechende Ansätze, die in den kommenden Jahren ausgebaut werden müssen:

Während des Marketing-Sprints haben wir in einer Arbeitsgruppe die möglichen Schritte der "Buyer's Journey" für die Vermarktung von Drupal Websites nachvollzogen
Während des Marketing-Sprints haben wir in einer Arbeitsgruppe die möglichen Schritte der "Buyer's Journey" für die Vermarktung von Drupal Websites nachvollzogen

Solange die Nachfrage nach Drupal in der Vergangenheit wie von selbst gewachsen ist, hat es gereicht, unter dem Suchbegriff "Drupal" bei Google gut vertreten zu sein. In Zukunft dürfen wir Agenturen uns jedoch nicht mehr allein darauf zu verlassen, unsere Leistungen unter dem Label "Drupal" zu vermarkten. Stattdessen müssen wir potentielle Kunden mit Mehrwert in Form von Lösungen ansprechen. Kunden interessieren sich nicht für Technik.

Weitere Demokratisierung bei der Führung der Community

Auf dem Community-Summit gab es einen eigenen Track zu Governance. Selbstorganisation wird ein immer größeres Thema in der Community.

Auf dem öffentlichen Board-Meeting der Association hat Dries angekündigt, den Vorsitz der DA zu räumen. Damit folgt er konsequent seinem Plan, der Community mehr Verantwortung zu übertragen, damit sie sich selbst verwalten kann. Derzeit wird noch überlegt, ob für diese Aufgabe in Zukunft jemand eingestellt und die Rolle somit bezahlt werden wird.

Auch innerhalb der Entwickler hört man den Wunsch, dass Dries mehr Verantwortung über technische Prozesse abgeben soll. Durch seine verschiedenen Aufgaben als Community-Lead und CTO bei Acquia steht ihm für technische Entscheidungen zu wenig Zeit zur Verfügung. Um Drupal als führenden Headless-CMS positionieren zu können, sollte z.B. eine Entscheidung auf ein Javascript-Framework getroffen werden. Das Ausbleiben dieser Entscheidung fragmentiert die Frontend-Entwickler in einzelne Lager, die gebündelt effizienter arbeiten könnten.

Diese Prozesse benötigen jedoch Zeit. Ich rechne fest damit, dass wir in den kommenden Jahren eine Menge Bewegungen beobachten werden.

Und sonst noch?

Drupal 8.4 steht vor der Tür. Im Oktober dürfen wir auf folgende Features gespannt sein:

  • Das __Media-Modul, das für praktisch alle Websites und Distributionen wie Thunder zentral ist, kommt in den Core.
  • Config-Entities werden per REST erreichbar sein. Damit lassen sich zentrale Eigenschaften einer Seite von außen steuern.
  • Inline-Form Errors wird stabil.
  • Ab Version 8.4 werden Workflows und Content-Moderation weiter ausgebaut.

Entgegen der Ankündigung gab es – zumindest für die Frühbucher – doch noch T-Shirts:

Ich freue mich über das Wiener Motiv in meiner Sammlung und werde es gerne tragen. Eine DrupalCon ohne T-Shirt wäre für mich keine echte DrupalCon.
Ich freue mich über das Wiener Motiv in meiner Sammlung und werde es gerne tragen. Eine DrupalCon ohne T-Shirt wäre für mich keine echte DrupalCon.

Danke an Drupal Austria!

Auch wenn die Con von der Drupal Association organisiert wird, lässt sich solch eine Veranstaltung nicht massive Unterstützung der lokalen Community durchführen. Lange vor und während der Con werden jede Menge freiweillige Helfer benötigt.

Dank des DrupalCamps Wien verfügt die Österreichische Community über eine Menge Erfahrung in der Organisation erfolgreicher Veranstaltungen
Dank des DrupalCamps Wien verfügt die Österreichische Community über eine Menge Erfahrung in der Organisation erfolgreicher Veranstaltungen

Als die Association im Februar verkündet hat, dass der Montag mit seinen traditionellen Trainings und Summits aus Kostengründen gestrichen wird und es keine T-Shirts für alle Teilnehmer geben wird, ist die Österreichische Community unmittelbar in die Bresche gesprungen. Ihr haben wir es zu verdanken, dass am Montag im FH Technikum Wien genügend Sprinträume, ein reichhaltiges Angebot an Summits und gute Verpflegung zur Verfügung stand. Sie hat die Räume organisiert, Sponsoren angeworben und dafür gesorgt, dass das Event reibungslos funktioniert hat.

Die gute Arbeit der lokalen Community konnte man nicht zuletzt daran ablesen, dass auch auf der Con alles gut geklappt hat. Erfreulicherweise gab es auch die gesamte Zeit über stabiles WLAN.